Andreas Harbarth steht vor seinem vierten Saison-Streich

Nur mehr ein Einzelsieg trennt den großen Tour-Dominator Andreas Harbarth von seinem bereits “vierten Streich” in dieser Saison. Wer zweifelt daran, dass der 26jährige am heutigen Abend über eine erfolgreiche Titelverteidigung jubeln kann, erst recht da sein neuer “Lieblingsgegner” Mario Kiss im Endspiel wartet. Wohl niemand wirklich ernsthaft, und gerade darin könnte womöglich die große Chance für den zuletzt gleich drei Mal in Serie heftig vermöbelten Herausforderer liegen. Wie überhaupt der halbfinale Montag vielleicht die zuletzt recht klar festgefahrenen Positionen und Relationen ein wenig verschoben haben könnte. Einerseits demonstrierte Mai-Grand-Slam-Sieger Alexander Geisler am Montag Abend recht deutlich, dass Topstar Andreas Harbarth keineswegs unbesiegbar ist, und andererseits scheint Power-Server Mario Kiss den Weg hinaus aus der sportlichen Talsohle gefunden zu haben. Ein Bericht von C.L

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Harbarth “schwächelte” & “bettelte” um erste Niederlage in dieser Saison

Ein “Lächeln” huschte über das Gesicht von Mario Kiss, als er sich nach einer Wechselpause im ersten Satz seines Halbfinales zurück auf den 7er-Court des Tennispoint Vienna machte. Und das hatte weniger mit seiner zwischenzeitlichen Führung gegen WAT Ottakring Jungstar Victor Stabrawa zu tun, als viel mehr mit den Geschehnissen am Nebencourt, die Kiss mit einem Auge verfolgte. Da wirkte der Ranglisten-Erste Andreas Harbarth erstmals in dieser Saison nicht ganz sattelfest, da stand der 26jährige Ausnahme-Könner zum ersten Mal im neuen Tennisjahr mit dem Rücken zur Wand. 0:4, 2:5, drei Satzbälle gegen sich, ein unzufrieden wirkender und ungewohnt schwächelnder Vorjahres-Champion bettelte förmlich um den ersten Ausrutscher der neuen Saison. Und Mario Kiss am Nebencourt sah seine Wünsche vom finalen Treffen und erstmaligen Duell mit Alexander Geisler in Erfüllung gehen. Doch binnen Minuten kam plötzlich alles ganz anders. Der bis dahin groß aufspielende Tiroler “French Open Sieger der HTT”, klagte über Übelkeit, gab vier Games in Serie ab und schließlich auch das große Schlagerspiel w.o. Schade, denn vom dritten Aufeinandertreffen zwischen Harbarth und Geisler hatte man sich im Vorfeld doch einiges erwartet.

Wie sich das Duell “Harbarth gegen Geisler” zum neuen Tour-Klassiker entwickelte

Individuelle Klasse mit dem Zeug die ganz großen und wichtigen Titel gewinnen zu können, dazu eine durchaus erkennbare Rivalität, Harbarth gegen Geisler ist keine Partie wie jede andere. Ganz im Gegenteil, könnte das Duell zwischen dem Ranglisten-Ersten und dem Sandplatzkönig der Tour zum echten Klassiker der kommenden Jahre werden. Schon in der Vergangenheit prägten immer wieder große Duelle von herausragend erfolgreichen Spielern die Szenerie der Hobby-Tennis-Tour. Mitte der 90er Jahre etwa die Treffen zwischen dem 5fachen Masterssieger Christian Kainz und Roman Ainberger, oder Ende der 90er-Jahre das ewige Duell zwischen dem 4fachen Mai-Grand-Slam-Sieger Klaus Hofer und dem 7fachen Hartplatz-Grand-Slam-Champion Claus Lippert. Später faszinierte das Duell zwischen dem “bösen” Psycho-King Martin Kova und dem “braven” Schwiegermutter-Traum Patrick Schwing genauso wie der kurzfristige sportliche Schlagabtauch zwischen Bernhard Nagl und Christoph Wagner. In den letzten zwei Jahren galten die Treffen zwischen Andreas Harbarth und Mario Kiss als der Mega-Knüller, doch mit “Super-Marios” Formverlust der letzten Monate, verlor auch das vermeintliche Spitzen-Duell seinen Reiz. Doch kaum hatte Tourkönig Andeas Harbarth seinen größten Rivalen verloren, erwuchs ihm in Alexander Geisler auch schon ein neuer ganz starker Konkurrent. Allerdings dauerte es einige Zeit, bis sich die beiden womöglich stärksten Spieler im Circuit erstmals auf einem Tenniscourt gegenüberstanden. Bei den French Open der HTT im vergangenen Mai feierte Geisler sein Tour-Debüt, doch zum ersten großen Showdown sollte es nicht kommen, weil Harbarth damals schwächelte und sich vorzeitig im Viertelfinale gegen Branislav Grznar verabschieden musste. Danach gingen sich die beiden Hauptdarsteller mit ihrer Turnierplanung lange Zeit recht geschickt aus dem Weg. Geisler gewann im Sommer zwei Turniere ohne Harbarths Teilnahme, der Ranglisten-Erste konterte in Abwesenheit des Tirolers mit drei Titeln im Herbst. Ob mit Absicht oder doch ganz zufällig, die konträre Saisongestaltung schaukelte die Vorfreude und Spannung vor dem ersten Duell so richtig kräftig in die Höhe. Beim letzten Super-4-Turnier der vergangenen Saison war es dann soweit. Geisler und Harbarth kreuzten im Semifinale des November-Super-4-Turniers erstmals ihre Schläger, wobei der Ranglisten-Erste mit 6:4, 7:6 die Oberhand behielt. Keine zwei Wochen später folgte bereits die große Revanche. Geisler ließ den 26jährigen Tourkönig gleich im Eröffnungs-Match beim Masters auflaufen und dämpfte mit einem 6:3, 6:4 Erfolg schon zum Auftakt die Hoffnungen Harbarths auf eine erfolgreiche Titelverteidigung.

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Wie Geisler auf dem Weg ins Finale eine Voltaren-Tablette zum Verhängnis wurde

Am gestrigen Montag stand dann das dritte direkte Duell der beiden Defensiv-Künstler auf dem Programm. Geisler erwischte einen perfekten Start, übernahm von Beginn an die Initiative und spielte sich mit einer glänzenden Vorstellung eine souveräne 4:0 Führung heraus. Auch als Harbarth Ergebniskosmetik gelang, hatte es nicht den Anschein, als ob der sicher und druckvoll agierende Geisler den ersten Satz noch aus der Hand geben sollte. Bei 5:2 und eigenem Aufschlag fand der 29jährige Zillertaler dann fast erwartungsgemäß drei Satzbälle vor, die aber allesamt ungenützt blieben. Was folgte war ein rund fünf Minuten dauerndes Blackout, in dem der Ranglisten-Vierte aus Tirol seinem Gegenüber drei weitere Games in Serie überlassen musste. Binnen weniger Momente hatte ein phantastisch spielender und oftmals spektakulär punktender Geisler dem Schlagerspiel nichts mehr beizutragen als eine zunächst fast unerklärliche Fehlerlawine. Was im Nachhinein aber glasklare Gründe hatte. Die Einnahme einer Voltaren-Tablette zur Unterdrückung der Schmerzen im Schlagarm wurde dem 29jährigen zum Verhängnis. Mit auftretender Übelkeit entschied sich Geisler schließlich beim Stand von 5:6 zur Aufgabe, eilte ans Netz und gratulierte seinem Gegner mittels Shakehands zum Aufstieg ins Finale. Für den 26jährigen Ranglisten-Ersten war es der achte Einzelsieg beim Februar-Super-4-Turnier in Serie und der insgesamt 16. Single-Erfolg hintereinander in dieser Saison. “Das komische an dieser Situation ist eigentlich, dass ich eine Stunde vor dem Match schon w.o. geben wollte. Ich hatte zum Mittag Spaghetti gegessen und am Nachmittag ganz starke Magenschmerzen und Schüttelfrost. Ich bin nur wegen dem Alex überhaupt gekommen”, lächelte Harbarth nach dem vorzeitig beendeten Halbfinal-Hit.

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Mario Kiss “zerlegt” Jungstar Stabrawa und geht zuversichtlich ins Final-Duell mit Harbarth

Da zeigt der bislang heuer so überlegen und erfolgreich spielende Tour-Dominator erstmals in dieser Saison eine kleine Schwäche, und dann kann sie der vor Ort kämpfende Herausforderer nicht nützen. Auch ein spezieller “Dusel”, den Ausnahmespieler eben haben. Wenn es läuft dann läuft es ganz einfach, und wenn es einmal nur ein wenig stotternd von der Hand geht, dann steht halt noch das Glück zur Seite. “Ich hatte ein Schmerzmittel eingenommen, und davon ist mir plötzlich beim Stand von 4:1 richtig schlecht geworden, sodass ich letztlich aufgeben musste. Bis dahin habe ich wirklich gut gespielt, das muss ich echt sagen. Ich bin mit meiner Leistung sehr zufrieden. Ich war voll motiviert und das Match hat mir getaugt. Schade, ich hätte gerne so weitergespielt wie ich das Match begonnen hatte”, resümierte Geisler. Damit kommt es am heutigen Abend im Endspiel des ersten Super-4-Saison-Events zum achten Duell zwischen Andreas Harbarth und Mario Kiss. Letztgenannter raste im Eilzugstempo in sein erstes Hobby-Tennis-Tour-Finale seit mehr als einem Jahr. Vor 13 Monaten stand der 3fache Grand-Slam-Gewinner letztmalig in einem Endspiel, damals beim Jänner-GP-Turnier 2009 gegen Victor Stabrawa. Und der WAT Ottakring-Jungstar war auch am gestrigen Abend sein Gegner, oder sollte man besser Statist sagen. Denn der 18jährige, der sich ziemlich souverän in diese Vorschluss-Runde spielte, hatte im dritten Aufeinandertreffen mit Kiss erstmals so richtig überhaupt keine Chance. Nach nur 55 Minuten und einem 3:6, 1:6 Debakel machte sich der Junior kommentarlos und fluchtartig auf den Heimweg. Mario Kiss dagegen genoss sichtlich seine Rückkehr auf die “Final-Bühne” der Hobby-Tennis-Tour und blieb noch gemütlich bei einem Bierchen im Point-Restaurant sitzen. “So glatt habe ich es nicht erwartet, aber ich habe auch wirklich sehr gut gespielt. Ich denke der Victor war diesmal mit dem Tempo überfordert. Und jetzt schauen wir einmal was morgen kommt”, meinte der 31jährige mit einem Augenzwinkern. Tja, und was morgen kommt, darauf wartet wohl die gesamt Tour-Familie mit ganz großer Spannung. Kann sich der Topstar vom AZ Tennisclub nach drei niederschmetternden Pleiten gegen Harbarth rehabilitieren, oder setzt es gar das vierte Debakel binnen eineinhalb Monaten? “Ich erwarte jetzt für das Finale keinen Sieg gegen Harbarth, aber ich werde es ihm auf alle Fälle schwerer machen als zuletzt”. Eine Einschätzung, die für so manchen neutralen Leser jetzt womöglich nur wie eine Durchhalteparole klingt, doch vor Ort im persönlichen Gespräch war wieder Zuversicht und Optimismus beim 31jährigen zu spüren. Das Funkeln in Marios Augen war wieder zu sehen, und spätestens mit dem glatten Kantersieg über Stabrawa scheint der Power-Server auch wieder das nötige Selbstvertrauen getankt zu haben. “Ich gehe ganz locker in dieses Spiel. Ich weiß woran es zuletzt oft gelegen ist, ich habe aber auch wieder dieses Schlag-Feeling von früher mit dem ich Harbarth schon geschlagen habe. Wenn der Spielverlauf passt, und ich einmal vorne wegspielen kann, dann ist alles für mich möglich”, so der 31jährige.

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Claus Lippert, 22. Februar 2010