Kiss und Wagner im Kampf um die Sandplatz-Krone 2008

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt! Was für die meisten Spieler, Experten und Insider der Hobby-Tennis-Tour im Vorfeld des 17. Mai-Grand-Slam-Turniers längst festzustehen schien, ist am großen Finaltag nur mehr Schall und Rauch. Ein weiteres Kapitel in der Serie spektakulärer Endspiele zwischen den beiden Ausnahmekönnern der Hobby-Tennis-Tour Andreas Harbarth und Mario Kiss wurde erwartet, doch das mögliche Traumfinale ließ am Montag Abend ein Mann platzen, den nur die wenigsten auf der Rechnung hatten. Ein im Vorfeld in Sachen Titelgewinn lediglich als Außenseiter gehandelter Christoph Wagner kehrte ausgerechnet bei seinem Comeback nach 11 Monaten Tourpause zurück ins Rampenlicht der Hobby-Tennis-Szene in Wien und stellte binnen 4 Tagen die Welt der Hobby-Tennis-Tour auf den Kopf. Der überraschende Finaleinzug des 17jährigen passt freilich bei näherer Betrachtung aller bisherigen Turnierergebnisse in diesem Jahr perfekt ins Bild. In einer von Überraschungen geprägten Tour-Saison 2008 wäre wohl selbst ein möglicher Wagner-Triumph am heutigen Nachmittag keine Sensation mehr. Eine Vorschau von C.L

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Der verbale Kleinkrieg beim bislang einzigen Duell der beiden Toustars

Sie haben einiges gemeinsam und sind doch so verschieden, die beiden Protagonisten des mit Spannung erwarteten Showdowns beim größten Sandplatzturnier der Hobby-Tennis-Tour. Mario Kiss und Christoph Wagner, beide sind sie auf dem roten rutschigen Untergrund seit 9 Spielen ungeschlagen, beide stehen sie erstmals im “French Open-Finale der Hobby-Tennis-Tour”, und beide blieben auf ihrem Weg ins Premieren-Endspiel ohne Satzverlust. Damit hat es sich aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten zweier Charaktäre, die sich bis vor dem Mai-Grand-Slam-Turnier eher “spinnefeind” waren. Rückblick zum 8. Juli 2007, jenem Tag an dem Wagner nicht nur das letzte Match vor seiner 11 Monate dauernden Tour-Pause absolvierte, sondern wo der damals 16jährige im Viertelfinale des Rasen-Grand-Slam-Turniers bei WAT Landstrasse erstmals mit Mario Kiss Bekanntschaft machte. Der Viertelfinal-Kracher wurde damals zum absoluten Publikums-Magneten und zu einem Hochgeschwindiigkeits-Duell der Extraklasse. Doch für weit mehr Aufsehen sorgte das Topspiel damals durch die verbale Konfrontation, auf die sich Kiss und Wagner einließen. Nettigkeiten wurden damals keine ausgetauscht. Kiss hatte das ursprüngliche Ziel “Verhinderung des Grand Slams von Andreas Harbarth” aus den Augen verloren, und einem Erfolg über Christoph Wagner höchste Priorität eingeräumt. Die Schlacht am Centercourt gewann Kiss im bislang einzigen Duell der beiden Tourstars gegeneinander mit 6:4, 6:4, doch nach der “Schlacht um einen Platz im Semifinale” wie die Tour-Homepage damals titelte, ging der verbale Kleinkrieg noch weiter. “In einem dritten Satz hätte ich den Kiss sowieso zu Null vom Platz geholt, und auf Sand gewinnt er ohnehin nichts gegen mich”, richtete Wagner deftige Wortspenden in Richtung seines Bezwingers. Der wiederum genoss sichtlich den Triumph und ließ Wagner seinerseits ausrichten: “Der Sieg gegen Wagner war mir ein Bedürfnis. Eine Niederlage im Finale gegen den Harbarth, damit könnte ich gut leben, aber gegen Wagner im Viertelfinale zu verlieren, das wollte ich ums verrecken verhindern”.

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Kiss und Wagner gehen längst kollegial und respektvoll miteinander um

Nun mittlerweile hat sich das einst so frostige Klima zwischen den beiden Topspielern gebessert, und das liegt nicht nur daran, dass sich Wagner zuletzt fast 11 Monate im Circuit rar gemacht hatte. Nein, die beiden Stars der Tour gehen längst kollegial und respektvoll miteinander um. Schon am ersten Tag des Mai-Grand-Slam-Turniers liefen sich Mario und Christoph über den Weg, beobachtete man ein Vieraugengespräch in dem die beiden in einem netten Pläuschchen für Tauwetter in der Kiss-Wagner-Eiszeit von 2007 sorgten. “Ich denke einmal, der Christoph ist um ein Jahr älter und um einiges reifer geworden. Es war ein sehr gutes Gespräch und ich war echt positiv überrascht”, erzählte Kiss. Die große Liebe wird es aber wohl nicht werden, und mit gegenseitlichen Freundlichkeiten wird heute knapp nach 17 Uhr ohnehin auch wieder Schluss sein. Denn dann geht es bei allem Respekt füreinander um den größten und wichtigsten Sandplatztitel des Jahres. Wer das Mai-Grand-Slam-Turnier gewinnt, ist praktisch der Hobby-Tennis-Tour-König der laufenden Saison, egal was da noch alles in der zweiten Saisonhälfte passieren wird.

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Wie die beiden Finalisten die Ausgangslage vor dem großen Endspiel sehen

Die Ausgangslage vor dem mit Spannung erwarteten Giganten-Treff zwischen der Nummer 2 Mario Kiss und der Nummer 12 Christoph Wagner ist für die beiden Finalisten klar, für die Mitspieler in der Rolle der Tipp-Meister freilich weniger. 50 zu 50, die Meinungen der Mitstreiter gehen wie erwartet auseinander. Ganz anders sehen die Situation freilich die beiden Mai-Grand-Slam-Finalisten selbst. “Ich bin im Enspiel der ganz große Außenseiter. Ich gehe ohne jegliche Erwartungshaltung in das Match mit dem Mario. Ich habe gesehen, wie er im Viertelfinale den Douglas ausgespielt hat und im Semifinale den Kova verprügelt hat. Die Positionen sind klar bezogen”, machte Wagner gekonnt in Understatement. “Der Wagner spielt im Moment ganz anders als noch vor einem Jahr. Sein Spiel gefällt mir irrsinnig gut zur Zeit. Er spielt mit Kopf und wartet auch schon mal auf seine Chancen. Ich werde aber von Anfang an permanent Druck machen. Eigentlich wäre mir der Andi im Finale zu 100 Prozent lieber gewesen. Ihn kenne ich besser, da weiß ich haargenau was ich zu tun habe. Der Harbarth rennt viel, aber er kann mir mit seinen Schlägen nicht weh tun. Der Wagner hat hingegen auch Gewinnschläge. Ich hoffe, dass er vielleicht nicht so fit ist wie Harbarth. Wenn das Finale länger dauern sollte, dann sehe ich doch Vorteile für mich”.

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Kiss kämpft weiter um historische Chance den Grand Slam zu gewinnen, und Wagner wäre der erste ungesetzte Mai-Grand-Slam-Sieger der Tour-Geschichte

Zum Schluss noch ein wenig Statistik. Für den an Nummer 2 gesetzten Mario Kiss geht es nicht nur um seine beiden Serien (auf Sand seit 9 Spielen unbesiegt und auf Grand-Slam-Ebene seit 12 Spielen ohne Niederlage), sondern auch noch um den “Grand-Slam” insgesamt. Als Jänner-Grand-Slam-Sieger hat nur mehr er diese Chance, diesen historischen, bislang noch von keinem Spieler realisierten Erfolg zu fixieren. Kiss hat zudem in Grand-Slam-Endspielen noch nie verloren und führt im Head to Head mit 1:0. Christoph Wagner wäre hingegen der allererste Spieler der Tour-Geschichte, der in 19 Jahren das Mai-Grand-Slam-Turnier als Ungesetzter gewinnen könnte. Auf seinem Haus & Hofbelag Sand ist der 17jährige wie Kiss seit 9 Spielen ungeschlagen. Und in seinem 4. Grand-Slam-Karriere-Finale greift der Underdog nach seinem insgesamt dritten Grand-Slam-Triumph. Für Spannung ist also gesorgt. Und die beiden Finalisten würden sich zahlreichen Besuch am Centercourt des TC Top Serve heute ab 17 Uhr wirklich verdienen.

Claus Lippert, 3. Mai 2008