Oli`s Traum-Debüt

Oliver Rauschil gewinnt Saison-Auftakt beim Jänner-Grand-Prix-Turnier

Der erste Turniersieger der neuen Saison heißt Oliver Rauschil. Der 25jährige Wiener sicherte sich am Mittwoch Abend die 7. Auflage des Jänner-Grand-Prix-Turniers mit einem 7:5, 6:2 Finalerfolg über Thomas Müller und sorgte nach dem November-Second-Series-Sieg von Franz Maier für den zweiten Debütanten-Turniersieg in Folge. Rauschil gewann zudem das 130. Teppich-Turnier der Tour-Geschichte und trug sich als 35. Sieger eines Grand-Prix-Turniers in die Tour-Statistiken ein. So nebenbei darf sich der siegreiche Neuling ab sofort auch Nummer 1 im Champions-Race nennen. Ein Bericht vom ersten Saisonfinale von C.L

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Tour-Neuling erfüllt sich den Traum vom Turniersieg beim Tour-Debüt

Dienstag Abend im Tennispoint Vienna. Normal werden zu dieser Zeit immer die großen Turniersieger ermittelt, doch der Gewinner dieses Dienstags durfte nicht über einen Titelgewinn jubeln. Noch nicht, denn 24 Stunden später sollte es dann doch so weit sein. Es ist kurz vor 22 Uhr an diesem erwähnten Dienstag, Oliver Rauschil hatte im semifinalen Freundes-Duell gerade seinen Mannschaftskollegen Richard Zanki aus dem Turnier genommen, als er mit leuchtenden Augen philosophierte. “Erstes Turnier und gleich im Finale ist sehr schön, erstes Turnier und gleich der erste Sieg wäre noch schöner”. Gesagt – getan, 24 Stunden später machte der 25jährige seinen großen Wunschtraum wahr, und krönte ein ohnehin schon höchst erfolgreiches Tour-Debüt mit dem Gewinn des Jänner-Grand-Prix-Titels 2008. Dabei war Rauschil gar nicht als der große Favorit in das Saison-Auftakt-Finale gestartet. Das lag allerdings weniger an seiner bislang im Turnierverlauf gezeigten Leistung, sondern eher an jener seines Gegners. Thomas Müller hatte sich bei seinem zweiten Tour-Start mit einer senationellen Performance durch den Raster geschlagen und dabei ohne Satzverlust staunende und ratlose Gegner zurückgelassen. So auch im Semifinale unmittelbar vor dem Endspiel, wo Müller einen allerdings mit Rückenschmerzen gehandicapten Titelverteidiger mit 6:1, 6:1 aus der Halle schoss. Für Vorjahressieger Thomas Seemann die aller erste Jänner-Grand-Prix-Niederlage überhaupt.

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Müller vor dem ersten Saisonfinale Favorit, Rauschil in der Rolle des Außenseiters

Doch dann kam alles ganz anders. Der bei Tourinsidern und Mitspielern als großer Favorit gehandelte Thomas Müller musste sich dem vermeintlichen Underdog geschlagen geben. Dabei startete “Tom” gegen sein großgewachsenes aufschlagstarkes Gegenüber optimal in sein erstes Karriere-Tour-Finale. Mit einem Break eröffnete Müller das Hochgeschwindigkeits-Duell um den ersten Saisontitel und schien bei der bislang im Turnierverlauf gezeigten Aufschlagstärke auch schon die Basis für den neunten Satzgewinn in Folge gelegt zu haben. Doch der Konter des keineswegs geschockten Gegners folgte prompt. Mit dem Re-Break zum 1:1 untermauerte der Tour-Newcomer eindrucksvoll, dass er an diesem Abend keineswegs gewillt war, dem bisherigen Vorrunden-Dominator Titel, Pokal und die ersten 45 Champions-Race-Punkte der Saison kampflos zu überlassen. Rauschils Re-Break zum 1:1 legte den Grundstein für eine sehenswerte offene Finalpartie und am Ende einen wirklich prächtigen Saisonauftakt 2008.

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Müller verliert ersten Satz nach 1:5 Rückstand und toller Aufholjagd “nur” mit 5:7

Wie sein Gegenüber Thomas Müller hatte sich auch der spätere Sieger recht eindrucksvoll in dieses siebente Jänner-Grand-Prix-Finale der Geschichte gespielt. Mit aggressivem Power-Tennis, gestützt auf einen echten Hammer-Aufschlag servierte sich der Neuling ins Finale. Dort allerdings bewies der 25jährige mit einer taktischen Top-Performance, dass er keineswegs nur auf “bum-bum-Tennis” zu reduzieren ist. Länge und Sicherheit in den Schlägen statt risikoreichen Winnern, mit dieser Devise versuchte der Debütant sein Glück. Und das mit Erfolg, wie eine zwischenzeitliche 5:1 Führung beweist. Solide von der Grundlinie auf die Fehler seines Gegners wartend, zog “Oli” sein zurecht gelegetes Konzept beinhart durch. Doch Rauschils feine taktische Meisterleistung alleine hätte gegen ein Kaliber wie Thomas Müller nie und nimmer zu einer 5:1 Führung gereicht. “Tom” hatte im ersten Satz massivste Probleme beim Service. Einer seiner Paradeschläge funktionierte nicht wie gewünscht. Drei Breaks in Folge gegen einen Thomas Müller, da bedarf es wohl keiner näheren Erklärung. Da war der 37jährige im ersten Durchgang um eine seiner Waffen beraubt. 23 unerzwungene Fehler von der Grundlinie taten das übrige dazu. Kurios eigentlich, dass Müller in einer atemberaubenden Aufholjagd für nicht mehr geglaubte Spannung im Finish des ersten Satzes sorgen konnte. “Da habe ich ein wenig die Konzentration verloren, das passiert mir öfters”, meinte Rauschil der bei 5:1 und dem Versuch auf den Satz zu servieren mit dem ersten Doppelfehler und zwei weiteren leichten “unforced errors” schwächelte. Auf der anderen Seite aber agierte Müller plötzlich so, wie man ihn allgemein bei seiner Final-Premiere erwartet hatte. Mit Power und Präzision machte der 37jährige vom 1:5 bis zum 5:5 Ausgleich nicht weniger als 17 von 21 ausgespielten Punkten. Das Endspiel hatte längst ein phantastisches Niveau erreicht, und in dieser Phase spielte Rauschil seine ganze Coolness aus. Wie der 25jährige nach vier teilweise brutal verlorenen Games in Serie bei 5:5 seinen Aufschlag durchbrachte war schon echt große Klasse und womöglich auch die Basis zum Satzgewinn. Denn Minuten später versenkte Müller nach exakt 49 Minuten Spielzeit eine Rückhand im Netz und hatte somit erstmals im Turnierverlauf einen Satz abgegeben.

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Nach 78 Minuten ist der Rauschil-Triumph beim Jänner-GP-Turnier perfekt

Weitere 29 Minuten später ist auch der zweite Satz weg und damit zudem der mögliche erste Hobby-Tennis-Tour-Titel des 37jährigen. “Weil ich im Kopf einfach leer war”, begründete Müller später das keine halbe Stunde dauernde 2:6 im zweiten Heat. Da half auch kein Schlägerwechsel bei 0:2, und auch nicht das Re-Break zum 1:2. Mit zuvielen vergebenen Chancen, beispielsweise einer Breakmöglichkeit zum 3:2, mit weiteren 21 unerzwungenen Fehlern und ohne erkennbaren Plan, lief der Favorit geradewegs ins Aus. Mit sensationellen Winnern stellt Müller zwar auch im Finish nochmals sein großes Können unter Beweis, so auch bei 2:5 als er mit einem spektakulären Rückhand-Winner auf die Linie glänzen kann, um Punkt 22:43 Uhr nützt Rauschil aber gleich seinen ersten Matchball zum ganz großen Sieg. Einen erlaufenen Lob kann Müller nur mehr mit einem Notschlag ins Out beanworten, der Rauschil-Triumph ist perfekt. Vor seiner mitfiebernden Freundin Julia kann Oliver zunächst das Shakehands seines Gegners und Augenblicke später seine erste Sieger-Trophäe in Empfang nehmen. “Ich hätte gar nicht gedacht, dass der Sieger einen Pokal bekommt. Umso größer ist die Freude jetzt, noch dazu wo dieser Pokal so schön ist”, strahlte der neue Jänner-Grand-Prix-Champion.

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“Es ist schon ein sehr gutes Gefühl beim ersten Turnierstart gewinnen zu können”

Unsicherer als während der gesamten 78 finalen Minuten auf dem Court des Tennispoint Vienna präsentierte sich Rauschil dann bei der Siegerehrung. Die mangelnde Routine, wie er denn sich selbst und den herrlichen Goldpokal für die Foto-Session entsprechend ins Bild rücken kann, wird aber wohl auch bald verflogen sein, wenn sich der 25jährige in Zukunft weiter so prächtig in Szene setzen kann wie am ersten Turnier-Wochenende des neuen Jahres. “Ich möchte schon gerne zum Masters kommen, aber ich muss erst einmal sehen wie die absoluten Topleute der Tour so spielen”, gab sich der Neuling bescheiden und angriffslustig zu gleich. Zuvor kann Oliver aber einmal den märchenhaften Start seiner Hobby-Tennis-Tour-Karriere genießen, und er blickte bei seinem ersten Sieger-Interview auch noch einmal gerne auf die letzten sechs Tage zurück. “Es ist schon ein sehr gutes Gefühl und wirklich erfreulich gleich beim ersten Turnier auf der Hobby-Tennis-Tour gewinnen zu können. Ich habe ein konstantes Turnier gespielt und bin mit meiner Leistung sehr zufrieden. Heute im Finale war ich passiver als es sonst meine Art ist. Der Thomas war eben ein Gegner, gegen den man taktisch vorgehen musste. Ich habe von der Grundlinie versucht die Bälle nur reinzuspielen, wenige Fehler zu machen und mit hohen Bällen über seine Rückhand zum Erfolg zu kommen. Es war sehr schwer, weil Thomas ein Kämpfer ist und nie aufgibt”, analysierte ein Sieger, der nach dem unerwarteten Premieren-Triumph schon nach höheren Aufgaben schielt. “Jetzt freue ich mich auf das Jänner-Grand-Slam-Turnier. Ich will auch dort ein bißchen mitmischen, wenngleich es auch ein wenig auf die Auslosung ankommen wird, gab sich der erste Champions-Race-Führende zuversichtlich. Begeistert zeigte sich der 25jährige auch von der Hobby-Tennis-Tour allgemein. “Die Organisation ist perfekt, die Internetseite ohnehin unglaublich, ich denke die Hobby-Tennis-Tour wird auch noch einigen meiner Freunde gefallen”.

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Thomas Müller mit der Analyse seiner überraschenden Final-Niederlage

Während der erste große Sieger des Jahres also noch seinen “Pflichten” mit Fotosession und Interview nachkam, genoss der unterlegene Thomas Müller eine angenehme Dusche, ehe er sich an der Tennispoint Bar zu einer ersten Stellungnahme einfand. “Das beste Statement hast du auf deiner Statistik-Liste, da sieht man meine Konzentrationskurve. Thats it, mehr gibt es dazu nicht zu sagen”, lautete das erste Müller-Resümee. Die Gründe für die – zumindest in zwei Sätzen – unerwartet ausgefallene Niederlage sah “Tom” auch in dem unmittelbar vor dem Endspiel ausgetragenen Halbfinale gegen Thomas Seemann. “Das erste Spiel davor war doch zuviel. Nicht körperlich, sondern geistig. Ich war im Kopf speziell im zweiten Satz nicht mehr voll da. Bei einigen ganz engen Situationen hat man das gemerkt. Ich bin aber nicht böse, es war heute am Ende einfach nicht mehr drinnen”, bilanzierte der 37jährige mit dem Trostpflaster Nummer 2 im Champions-Race zu sein.

Claus Lippert, 17.Jänner 2008