Comeback des Super-4-Königs

Christoph Wagner trotz Karriere-Titel Nr. 10 mit sich unzufrieden

Er hat den 10. Turniersieg seiner Laufbahn eingefahren, im Semifinale den 100. Karriere-Einzelsieg gefeiert, sich mit dem 5. Super-4-Titel Platz 3 in der diesbezüglichen Ewigen-Bestenliste gesichert und mit seinem 7. Sandplatz-Turniererfolg zu Patrick Schwing aufgeschlossen, doch zufrieden war Christoph Wagner nach dem Mai-Super-4-Finale 2007 am Mittwoch Nachmittag nicht. Der 16jährige stellt längst andere Ansprüche an sich selbst, da reichen Statistik-Superlativen und ein Turniersieg, sei es selbst auf Super-4-Ebene erzielt, nicht mehr aus. “Der Viertelfinal-Erfolg über Andreas Harbarth war der einzige Lichtblick an diesem Wochenende” verlautbarte ein junger Mann, der soeben einen 2fachen Mai-Grand-Slam-Sieger in zwei Sätzen deutlich deklassiert hat. Das klingt kurios, erst recht aus dem Mund eines 16jährigen, der noch vor zwei Jahren, Woche für Woche “weinerlich” in peinliche Niederlagen en masse schlitterte. Doch mittlerweile hat sich der Status im Tennis des 16jährigen in jeder Hinsicht geändert. Dieser Tage beim Mai-Super-4-Turnier war der Jungstar als personifizierte Hoffnung auf ein Ende des Harbarth-Solos an der Tour-Spitze angetreten, eine Rolle die er souverän spielte. Nun ist der Ranglisten-Dritte aber mit 160 Champions-Race-Punkten und seinem zweiten Turniersieg innerhalb von 14 Tagen plötzlich selbst zum Gejagten beim “French Open der Hobby-Tennis-Tour” in zwei Wochen avanciert. Ein Bericht vom Finale von C.L

Italien-Juli-Turniere_05_8512.jpg

Bernhard Nagl gibt ersten Satz nach Katastrophen-Start mit 2:6 ab

6:2, 6:2 in 62 Minuten, so lauten die nackten Zahlen des 12. Mai-Super-4-Finales der Geschichte, einem Endspiel, das sich für die beiden Final-Protagonisten aber höchst unterschiedlich interpretieren läßt. Aus Sicht Wagners war es wohl eine eher durchschnittliche Leistung mit “nur” 17 selbst erzielten direkten Punkten. Für Nagl hingegen war es mit 47 unerzwungenen Fehlern eine der schwärzesten Stunden seiner exakt drei Jahre dauernden Tour-Karriere. Noch nie produzierte der 28jährige in einem seiner 18 Karriere-Finalteilnahmen soviele Fehler wie an diesem bewölkten Nachmittag, und noch nie startete der Masterssieger derart schlecht in ein großes Endspiel wie diesmal. Den beinahe unglaublichen Fehlstart für einen Spieler seines Kalibers leitete “Bernie” mit einem Doppelfehler und drei sogenannten “unforced errors” ein. Das Break zu Null, zunächst als leicht reparierbarer Betriebsunfall betrachtet, war allerdings nur der Auftakt zu einem Start-Crash der Sonderklasse des Ranglisten-Zweiten. Denn es kam noch dicker, mit den ersten neun Punkten in Serie für Nagls Gegner, ehe er nach 6 Minuten Spielzeit bei 0:2, 0:15 einen verschlagenen Wagner-Return als ersten Punktgewinn notieren und diesen wie so manchen glorreichen Turniersieg aus der Vergangenheit bejubeln konnte. Gerade erst aus der Trainingsjacke geschlüpft, stand es auch schon 0:3, nahm das drohende Schicksal seinen Lauf. Dabei war der 2fache Mai-Grand-Slam-Sieger an diesem Wochenende ausgezogen, um das Dutzend an Turniersiegen voll zu machen. Doch nach nur 11 Minuten war stattdessen bereits das Dutzend an unerzwungenen Grundlinienfehlern voll, und 4 Minuten später das 0:5 Realität. Kurz darauf hat Wagner seinen ersten Satzball, und “Bernie” einen seiner wenigen “hellen Momente” in diesem ersten Durchgang, als er den erwähnten Satzball mit einem tollen Volley abwehren kann. Im Gegenzug verhilft ihm sein jugendlicher Gegner dann mit einer verschlagenen Rückhand ins Netz zum 1:5, einer Ergebnis-Kosmetik die Nagl beinahe in Jubelstimmung versetzte. “Ein Game, ein Game” schrie der Ex-Mödlinger, der im Anschluss daran mit dem einzigen “durchgebrachten Service-Game” im ersten Satz auf 2:5 verkürzen kann. Wenn überhaupt Nagl in diesem Match einmal so etwas wie “Hoffnung schöpfte” dann vielleicht beim Stand von 5:2, 40:30 für Wagner, als dem späteren Sieger genau beim zweiten Satzball beim Service die Saite reißt. Der Gang zur Tasche, der Griff zum neuen Racket, Doppelfehler Nummer 1 zum Einstand, und Doppelfehler Nummer 2 hinterher zum Breakball, plötzlich schien für Nagl nochmals eine kleine Türe aufzugehen, um in dieses Endspiel zurück zu kommen. Doch neben der unbestrittenen Klasse bei “Vorhand und Rückhand”, hat sich der einstige “Mental-Minimalist” Christoph Wagner speziell im Kopf extrem weiterentwickelt. Ein Szenario wie jenes mit “Saitenriss bei Satzball und zwei hinterher gejagten Doppelfehlern”, wäre vor Jahren für Wagner-Gegner noch ein Freifahrtschein zum Sieg gewesen. Doch im Stile eines Routiniers blieb der 16jährige “cool” und fixierte nach exakt 30 Minuten den Gewinn des ersten Satzes.

Italien-Juli-Turniere_05_8473.jpg

Wagner bleibt auch in einem “unspektakulären” zweiten Satz ungefährdet

Fünf Minuten waren zu Beginn des zweiten Heats gespielt, als Christoph Wagner mit dem Selbst-Sager “du spielst wie der erste Mensch” Selbst-Kritik übte. Kurioser Weise führte der Jungstar da bereits wieder mit 2:0, war mit einem neuerlichen recht rasch erzielten Break die Vorentscheidung zu Gunsten Wagners längst gefallen. Auch der kurze “Nagl-Zwischensprint” zum 2:2 konnte am späteren Erfolg des Juniors nichts ändern. Kein Wunder wenn man pro Satz nur einmal seinen Aufschlag halten kann, und fast doppelt soviele Fehler wie sein Gegner macht. Heißt der dann auch noch Christoph Wagner und ist momentan die “heißeste Aktie” an der Tour-Börse, dann endete das sogar im Debakel. Der zweite Satz verläuft dann unspektakulär, dauert zwar zwei Minuten länger als der erste, und wird nur mehr im letzten und auch längsten Game des Endspiels ein wenig interessant, als sich Wagner beim Vernebeln von Matchbällen in Szene setzt. Drei dieser hochkarätigen Chancen läßt der 16jährige ungenützt, ehe er die vierte Möglichkeit nützt, und mit einem bei ihm ganz selten zu sehenden Spielzug zum Erfolg kommt. “Jetzt werde ich was spielen was ich gar nicht kann”, kündigte der Junior an, ehe er mit “Serve & Volley” die Entscheidung erzwang.

Italien-Juli-Turniere_05_8504.jpg

Wagner seit 15 Spielen auf Sand und seit 19 Outdoor-Matches in Folge unbesiegt

Um 17:48 Uhr nach gerade einmal 62 gespielten Minuten hatte Christoph Wagner also seinen Mai-Super-4-Titel aus dem Vorjahr mit Erfolg verteidigt. Seit 15 Spielen auf Sand ungeschlagen, 19 Matches im Freien ohne Niederlage überstanden und damit den dritten Sandplatz-Turniersieg in Serie erobert, der Junior kehrte mit dem zumindest “ergebnistechnisch” souverän ausgefallenen Finalerfolg endgültig zurück in die Ranglisten-Spitze. Gerade im Begriff sich einen Namen zu machen als Mann der großen Taten, blieb er große Worte bei der abschließenden Analyse freilich schuldig. Das seine Leistung heute sehr schwach war, und der Viertelfinal-Erfolg über Harbarth der einzige Lichtblick gewesen wäre”, die Klasse der Wagner-Statements hinkt bei weitem noch klar hinter seinem Spiel her. Aber so ist er eben der 16jährige Topstar der Tour, der viel lieber Taten und Super-Bilanzen für sich sprechen läßt. Die einstigen und auch die “noch” aktuellen Tour-Stars wie Martin Kova und Bernhard Nagl müssen längst die Überlegenheit Wagners anerkennen und beinahe tatenlos mitansehen, wie ihre Head to Head-Bilanzen schmelzen. Für “Bernie” war es mittlerweile auch bereits die vierte Niederlage im neunten Duell mit dem 2fachen September-Grand-Slam-Sieger. Auf Sand führt jetzt sogar Wagner mit 4:3 Siegen und bei gespielten Final-Duellen mit 3:2. Als Spieler wie Klaus Hofer und Roman Ainberger ihre “Super-4-Titel” holten, da ging der kleine Christoph gerade einmal in den Kindergarten, mittlerweile hat er die beiden Tour-Größen von einst in der Bilanz aller Super-4-Champions bereits überholt. Mit seinem 5 Titel auf Super-4-Ebene liegt der 16jährige nur mehr einen Erfolg hinter dem zweitplatzierten in dieser Wertung, nämlich Martin Kova der bei 6 Super-4-Titeln hält. Eine Marke die schon im kommenden Monat beim Juni-Super-4-Turnier fallen könnte. Und selbst die Rekordmarke von 12 Super-4-Turniersiegen des Claus Lippert scheint für den amtierenden Mai-Super-4-Champion nicht mehr unmöglich.

Italien-Juli-Turniere_05_8502.jpg

26 seiner letzten 27 Matches auf Super-4-Ebene hat Wagner gewonnen

Imposant ist in jedem Fall auch seine gegenwärtige Super-4-Bilanz, wo er mit 26 Siegen in seinen letzten 27 Super-4-Spielen seine Extra-Klasse bei der zweitgrößten Turnier-Reihe der Tour unter Beweis stellte. Im sechsten Super-4-Karriere-Finale zum 5x erfolgreich, spätestens jetzt ist Wagner auch der große Favorit auf den Mai-Grand-Slam-Erfolg in zwei Wochen. “Der Sieg dort ist sicherlich ein Ziel von mir, aber es wird nicht so leicht. Mit Harbarth, Douglas und auch Nagl wenn er wieder zu seiner Form findet, habe ich einige ernsthafte Gegner”, meinte Wagner. Und angesprochen auf die aktuelle Siegesserie die sich wie so oft für deren Besitzer mit dem angestauten Druck negativ auswirken könnte, ergänzte Wagner: “Auf Siegesserien schaue ich nicht mehr. Ich glaube heuer wird so und so keiner der Topspieler eine Serie aufbauen können, weil es hin und her gehen wird. Einmal wird der gewinnen, dann wieder der andere. Für mich ist wichtiger, im Champions-Race wieder halbwegs dabei zu sein, wenngleich ich immer noch großen Rückstand habe. Für den Sieg wird es sich nicht mehr ausgehen, aber die Masters-Quali habe ich jetzt wieder vor Augen. Na gut, die hätte ich auch geschafft, wenn ich im November eingestiegen wäre”.

Italien-Juli-Turniere_05_8514.jpg

Ich muss meinen besten Tag erwischen, und er darf keinen guten haben”

Über Masters-Qualifikationen braucht sich Bernhard Nagl keine Gedanken zu machen, allerdings hat der 28jährige derzeit ohnehin andere Sorgen. Mit einer Leistung ähnlich der vom vergangenen Mittwoch, kann er sich wohl den Traum vom “Mai-Grand-Slam-Hattrick” abschminken. “Ich habe heuer erst einmal auf Sand trainiert und eben jetzt dieses Turnier-Wochenende gespielt”, sieht “Bernie” die Gründe für seinen schwachen Start in die Sandplatz-Saison 2007. Schon in Runde 1 gegen Markus Altsinger hätte es den 11fachen Turniersieger erwischen können. “Ich bin aber ohnehin nicht so naiv zu glauben, dass ein dritter Mai-Grand-Slam-Titel in 14 Tagen nur mit einer Formsteigerung alleine machbar sein wird. Man muss das realistisch betrachten. Ich muss meinen besten Tage erwischen, und Wagner darf keinen guten haben. Nur dann ist eine Titelverteidigung möglich. Ansonsten ist der Leistungsunterschied schon zu groß geworden wenn wir beide auf unserem jeweils besten Level spielen. Aber es gibt solche Tage auch, und warum soll so ein Tag nicht ausgerechnet beim Mai-Grand-Slam sein”, gibt sich Nagl zuversichtlich. Außerdem gibt es ja das Sprichwort von der verpatzten Generalprobe und der gelungenen Premiere, und dann ist da ja auch noch das Gefühl aus der Vorsaison, wo Nagl auch beim Mai-Super-4-Turnier gegen Wagner unter die Räder kam (damals sogar im Achtelfinale) und dann den wichtigsten Titel des Jahres holte. “Mal sehen, aber heute war mir schon im Vorfeld klar, dass es gegen Wagner ganz schwierig werden würde”, urteilt jener Mann, der seit dem Masters-Turniersieg vor fast sieben Monaten auf den nächsten Titelgewinn wartet. Beinahe verdächtig, steht doch in 14 Tagen wie erwähnt das “French Open-Turnier der Hobby-Tennis-Tour” auf dem Programm, und der Mann für die großen Turniere könnte mit einem Schlag wieder Bernhard Nagl sein.

Italien-Juli-Turniere_05_8482.jpg

Claus Lippert, 19. Mai 2007