“Klassentreffen Leberstraße” – Reminiszenz an die guten alten Zeiten

Ein Hauch von “anno dazumal” wehte am gestrigen zweiten Spieltag des April-HTT-150-Turniers durch das Tenniszentrum “Centercourt Südstadt” am südlichen Stadtrand von Wien. Altgediente Tourstars wie Christoph Kramer, Michael Kunz, Thomas Peyerl, oder Marcus Rotter erinnerten mit ihrem Engagement beim 21. Saisonturnier an die guten alten Zeiten, als die Hobby-Tennis-Tour noch höchst familiär geführt, als Wochenendgestaltung für Kramer & Co diente. Die Zeiten aber haben sich freilich geändert, alles ist schnelllebiger und professioneller geworden, und Tour-Dinos wie David Hühne oder Nihad Berzengi, die einst ihre Freizeit von früh morgens bis spät abends am Tennisplatz verbrachten, sind vom Aussterben bedroht. Ein Bericht von C.L

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Tour-Zirkus anno 2015 als Hetzjagd von Termin zu Termin

Österreichs größte Breitensport-Tennis-Serie feiert heuer ihren 25. Geburtstag mit einem in Kürze erscheinenden und in diesem Umfang noch nie dagewesenen Turnierkalender. Der Tourzirkus hetzt jedes Wochenende von Verein zu Verein, verblüfft wöchentlich mit unfassbaren Teilnehmerzahlen und toppt permanent Rekorde und Bestleistungen am laufenden Band. Eine nicht enden wollende Flut an hochkarätigen und talentierten Jugendlichen strömt in den Circuit, immer neue Namen drängen in die Szene, das Niveau und die Dichte auf der HTT nehmen gigantische Ausmaße an, da bleibt für Romantiker der guten alten Zeit nicht mehr wirklich viel Raum. Eine Reminiszenz an diese goldene Ära gibt es aber an diesem Turnierwochenende in der Südstadt, wo ungewöhnlich viele Akteure am Start waren, die einst in der Leberstraße ein Tennis-Wochenende noch komplett anders verlebt haben, als die heutige Generation. Mit Christoph Kramer, Michael Kunz, Thomas Peyerl, Marcus Rotter, Markus Hobiger, Alexander Sterzl, Lucas Rydl und David Hühne die zusammen sensationelle 1.352 Turnierstarts aufzuweisen haben, gab es sowas wie ein “Klassentreffen Leberstraße”, an dem in Erinnerungen an die legendären Zeiten geschwelgt wurde.

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Erinnerungen an die guten alten Zeiten und wie Kramer & Co einen Turniertag einst verbrachten

Ein Turniertag anno 2015 sieht für die meisten Spieler wie folgt aus: Straffer Zeitplan – am besten der Veranstalter gibt 20 Minuten vor Matchbeginn die entsprechende Information per SMS an den Spieler weiter – der Auftritt am Platz, das Einholen der Information in Sachen “nächstes Match”, die Verabschiedung und das war es dann auch schon! Unvorstellbar für den harten Kern der HTT-Spieler, die in der glorreichen Vergangenheit die Szenerie prägten. Ein Turniertag begann für die HTT-Evergreens meist schon vormittags und weit vor dem eigentlich Spieltermin. Am Stammtisch vor dem Centercourt wurden nicht nur die ersten Matches des Tages bestaunt, sondern gemeinsam “Speis & Trank” konsumiert, diverse Kartenrunden ausgetragen, und das alles bei guter Laune und permanent laufendem “Schmäh”. Die Sperrstunde verschob sich nicht selten bis weit nach Mitternacht, und “ach ja”, Tennis gespielt wurde auch noch! HTT spielen war mehr als nur an einem Turnier teilnehmen, und für viele Spieler absoluter Fixpunkt in ihrem persönlichen Wochenendprogramm. Dieses über viele Jahre gewachsene familiäre Flair ist aber längst verloren gegangen, so sind sich zumindest die Protagonisten von damals einig.

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David Hühne: “Kommerz hat familiäres Klima verdrängt”

Besonders kritisch sieht Deutschlands 6facher HTT-Turniersieger David Hühne die Entwicklung der Hobby-Tennis-Tour in diesem Bereich. “Die HTT ist eine Kommerz-Veranstaltung geworden, das familiäre Klima von damals ist völlig verloren gegangen. Schau dir nur die Spieler von heute an: Die wärmen sich mit der Springschnur auf, früher hat man sich mit einem Bier in der Hand auf ein Match vorbereitet”, so der seit Juni vorigen Jahres nicht mehr im Circuit aufgetretene Deutsche, der es in seiner HTT-Karriere immerhin auf stolze 185 Turnierstarts brachte. “Die meisten Spieler von heute sind doch echt langweilig. Zu unseren Zeiten hat es noch richtige Schlachten und Skandal-Matches gegeben. Da wusste man schon nach der Auslosung in welcher Partie es brisant werden könnte. Heute sind viel zu viel brave Spieler am Werk”, so der 35jährige Wahlwiener. Und auch Christoph Kramer, seines Zeichnes 11facher HTT-Titelträger und mit 281 Turnierteilnahmen ein echtes HTT-Urgestein, vermisst das Flair vergangener Jahre. “Es war immer eine besondere Stimmung und man hat einfach seine Freizeit bei einem Turnier verbracht. Das ist heute aber ganz anders”, so der 32jährige.