Die Leiden des jungen Nils – Nach Vorrunden-K.o! Was ist mit dem Stadthallen-Sieger los?

Die heiße Phase beim Saisonfinale der besten und erfolgreichsten Challenger-Spieler im UTC La Ville ist angebrochen! Drei Matches stehen noch aus, dann wissen wir, wer sich bei der 5. Auflage der HTT-Challenger-Tour-Finals am Altmannsdorfer Ast zum neuen Challenger-König empor gespielt hat, und wer anno 2015 nach Entgegennahme eines mächtigen Siegerschecks jede Menge Geld für eingesparte Nenngelder anderweitig investieren wird. Tja, und diese spannungsvolle Schlussphase bei den “Finals” am Dr. Karl Walt Weg geht heute Abend mit zwei doch recht überraschenden Semifinal-Begegnungen in ihre vorletzte Runde. Zwar stehen beinahe erwartungsgemäß der serbische Topfavorit Nemanja Dejanovic und der großartig in Form befindliche November-Challenger-Champion Gernot Brunner in der Vorschluss-Runde, doch mit dem oberösterreichischen Jungstar Lukas Obermüller sowie dem Challenger-Tour-Final-Sieger von 2012 Thomas Peyerl war vor dem ersten Aufschlag zum HTT-Challenger-Tour-Final nicht unbedingt zu rechnen. Vorallem der Erfolg von Linz-Challenger-Sieger Lukas Obermüller über den französischen Stadthallensieger Nils Klermund kam für viele Insider höchst überraschend. Ein Bericht von C.L

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Oberösterreichs Jungstar Lukas Obermüller läßt serbisch-französischen Semifinal-Gipfel beim HTT-Challenger-Tour-Final nach toller Aufholjagd platzen

Es war ein Bild, das mehr Aussagekraft hatte als 1000 Worte, das wunderbar die vergangenen eineinhalb Stunden am Centercourt des UTC La Ville widerspiegelte, und an jene Szenen im vergangenen April erinnerte, als Lukas seinen Linz-Sieg mit Mama Obermüller euphorisch feierte. Papa und Sohnemann Obermüller lagen sich am gestrigen Sonntag wenige Minuten nach 18 Uhr glücklich in den Armen, und bejubelten den Ausgang des letzten Vorrunden-Matches in Gruppe B der HTT-Challenger-Tour-Finals, der getrost als kleine Sensation betrachtet werden kann. Es war nicht allein nur der Triumph über den höher eingeschätzten und allgemein favorisierten Gewinner des Erste Bank Open-Challengers, sondern durchaus auch die Art und Weise, wie Obermüller den französischen Stadthallensieger nach 3:6, 1:3 Rückstand noch aus dem Turnier kegelte. Denn zunächst lief eigentlich alles nach Papierform, kontrollierte und dominierte Klermund die abschließende Vorrundenpartie aus Gruppe C nach Belieben. Ein frühes Break gleich im ersten Game gab dem 16jährigen die nötige Ruhe und Stabilität, um mit einen ganz ordentlichen Mix aus “kontrolliertem und dann wieder aggressivem Grundlinien-Tennis” das Heft am Centercourt fest in Händen zu halten. Ein zweites Break zum 5:2 sorgte für die Vorentscheidung und dazu, dass sich Klermund im Finish sogar seinen ersten Aufschlagverlust leisten konnte, um trotzdem den ersten Durchgang sicher mit 6:3 nach Hause zu spielen.

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Was aus Sicht Klermunds beim Stand von 6:3, 3:1 wirklich geschah

Am Freitag Abend hatte Klermund gegen Thomas Löffelmann im 60. Karriere-Match seinen 35. Sieg eingefahren, und einem Ausbau dieser Erfolgsbilanz schien am Sonntag Nachmittag knapp nach 17 Uhr nichts im Wege zu stehen. Im Gegenteil: Der Stadthallen-Champion lag mit einem erneut früh gewonnenen Break 2:0 voran, und steuerte scheinbar unaufhaltsam dem Semifinal-Kracher mit Serbiens dreifachem Saisonsieger Nemanja Dejanovic entgegen. Was dann beim Stand von 3:1 für den Franzosen geschah, spiegelte eindrucksvoll und nachhaltig wider, was im Tennis alles passieren kann, wenn Du im Oberstübchen deine Sachen nicht beieinander hast. Obermüller hatte bis zu diesem Zeitpunkt nur zwei Mal sein Service durchgebracht, und Papa Leo war wohl mit den Gedanken auch schon auf der Autobahn und der Heimreise Richtung Linz, als sich die nicht zu erwartende Wende anbahnte. Draußen auf der Bank war Nils während der Wechselpause zum 3:2 und dem eben kassierten Re-Break plötzlich mit dem Gedanken an das mögliche Semifinale gegen Dejanovic und dem verbalen Einwurf seines Vaters beschäftigt, dass genau dieser Dejanovic ihn am Montag Abend in 5.000 Stücke zerreisen würde, wenn er ähnlich auftrete und spiele wie aktuell gegen Obermüller. Tja und während Klermund gedanklich mit der möglichen “sportlichen Hinrichtung” im nicht einmal noch fixierten Semifinale beschäftigt war, spielte ein völlig unbekümmerter Lukas Obermüller seinen Part solide und abgebrüht weiter. Das erste durchgebrachte Aufschlagspiel nach vier in Serie kassierten Breaks gab Sicherheit, das erzielte Break zum 4:3 und damit zur erstmaligen Führung in diesem Match die nötige Zuversicht, um an Ende dieses Match noch zu drehen. Der junge Linzer musste zwar noch einmal ein Break zum 4:4 hinnehmen, doch Klermund brachte längst kein Bein mehr auf den Platz. Es sollte der letzte Game-Gewinn des in der Folge schwer enttäuschenden Franzosen werden, danach stürmte der Stadthallen-Champ in ein fürchterliches Debakel und Obermüller mit 8 Games in Serie in das vielumjubelte Semifinale bei den HTT-Challenger-Tour-Finals 2014 im UTC La Ville.

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Obermüller will auch im Semifinale gegen Titelfavorit Nemanja Dejanovic seiner Linie treu bleiben, und mögliche sich ihm bietende Chancen eiskalt nützen

Ein 15jähriger Oberösterreicher, Sieger des Challenger-Turniers in Linz hatte also mit seinem überraschenden Vorrunden-Coup das mit großer Spannung erwartete serbisch-französische Gipfeltreffen im Semifinale zwischen dem Kitzbühel-Champion und dem Stadthallen-Sieger platzen lassen. Dementsprechend groß war die Freude beim 15jährigen, der den Matchtag völlig entspannt im Spa-Bereich des Austria Trend Eventhotels Pyramide in Vösendorf verbrachte, und sich mit Dampfbad, Sauna und Eisbad für die abendliche Sensation in Form brachte. “Vor der Partie habe ich mir nicht sehr viel erwartet, dementsprechend locker bin ich in diesem Match gegangen. Am Anfang habe ich nur geschaut, ob ich irgendwelche Chancen bekomme, und wie ich sie nützen könnte. Im ersten Satz habe ich taktisch unklug gespielt, und ganz ehrlich war da auch nicht viel zu machen. Im zweiten Satz bei 1:3 habe ich dann mein Spiel umgestellt, und die Bälle hoch und weit nach hinten gespielt. Mit dem ist mein Gegner anscheinend nicht klargekommen, und hat begonnen, viele Fehler zu machen. So ist es mir gelungen, die Partie noch zu drehen”, strahlte der Sieger, der nun im Halbfinale auf den großen serbischen Titelfavoriten Nemanja Dejanovic treffen wird, und nichts an seinem bisherigen Turnierplan ändern möchte. “Ich werde wieder genau in das Match gehen wie gegen Klermund und mal schauen was sich machen läßt. Ich habe den Nemanja auch schon in Kitzbühel gesehen, und er spielt natürlich richtig gut. Vielleicht ergibt sich aber die ein oder andere Chance, und ich hoffe, dass ich die dann nützen kann”, gab sich Obermüller bei der Pressekonferenz entspannt und abgeklärt. Und in der Tat könnte diese Lockerheit der große Trumpf des 15jährigen sein. Außer Frage steht, dass Dejanovic der ganz große Favorit für den heutigen Semifinal-Jugend-Schlager ist, aber der Druck liegt wohl ganz klar auf Seiten des serbischen Kitzbühel-Siegers. Von ihm erwartet man den Sieg und eigentlich auch den Titel, und er würde vom möglichen Gewinn eines ganzen Jahres GRATIS HTT profitieren. Diese Aussicht hat in der Vergangenheit schon viele Favoriten gelähmt, während Obermüller mit diesem Preis ehe weniger anfangen könnte, und daher wohl auch gelassener in das Halbfinale starten wird.

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Stadthallen-Triumph mehr Fluch als Segen und eine echte Bürde für Nils Klermund

Während Lukas Obermüller also am späten Montag Nachmittag erneut die Reise nach Wien antreten wird, könnte dem unterlegenen Nils Klermund ein eher ungemütlicher Montag bevorstehen. Die Szene rätselt, was mit dem 16jährigen Stadthallen-Triumphator los ist, und warum er seit dem genialen und historischen Erfolg bei den Erste Bank Open in der Wiener Stadthalle praktisch von der Rolle ist. Fast scheint es so, als ob der für massigst Aufsehen sorgende Erfolg in der Stadthalle mehr Fluch als Segen für den 16jährige bedeutet. Der Mega-Erfolg, sich als bislang einziger Spieler der Geschichte in einem vollen 128er-Raster durchgesetzt zu haben, der Trubel danach mit einem Live-Interview am Centercourt vor 6000 Zuschauern und die Anerkennung die ihm seither zu Teil wurde, sind zur Bürde für einen äußerst sensiblen jungen Mann geworden. Die Erwartungen, die seither in ihn gesetzt werden, und die er wohl auch an sich selbst hat, sind teilweise in astronomische Höhen gestiegen. Dazu kommt, dass den 16jährigen Selbstzweifel plagen. “Habe ich die Stadthalle nur zufällig und mit viel Glück gewonnen?”, fragt sich Klermund seither immer wieder. Dazu kommt, dass Nils gerade dabei ist, sein Tennis geradezu radikal umzustellen. Sein Trainer, Erfolgscoach Norbert Richter (Entdecker und langjähriger Betreuer von Australian Open-Junioren-Doppel-Sieger Lucas Miedler) war mit der Art und Weise wie sein Schützling das Finale der Erste Bank Open gewann überhaupt nicht zufrieden, und verordnete ab sofort die “aggressive Schiene”. Bis Klermund diese Stil-Änderung ähnlich erfolgreich umsetzen wird, wie er das zuvor im oftmals wenig attraktiven “Bringer-Style” tat, wird logischer Weise einiges an Zeit vergehen. Vorallem aber wird es Rückschläge geben, und an Konstanz in den Resultaten mangeln. Das ist vom Umfeld des 16jährigen durchaus einkalkuliert, muss aber auch erst in den Kopf des jungen Franzosen. Was gar nicht so leicht ist, wenn Du gewohnt bist, dass sich mit deinem Tennis auch die Erfolge einstellen, was sich mit dem Stadthallen-Triumph natürlich noch verstärkt hat.

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Müde und nachdenklich wirkender Nils Klermund in einer äußerst emotionalen Pressekonferenz

Doch die Bäume wachsen auch für einen Erste Bank Open Champion auf der Hobby-Tennis-Tour nicht in den Himmel. Es gilt trotz Mega-Erfolg weiter kleine Brötchen zu backen, und mit konsequenter Arbeit den längst eingeschlagenen Erfolgsweg weiter zu beschreiten. Auch wenn immer wieder Rückschläge kommen werden, wie in den letzten Wochen. So ließ sich der Junior am Weekend vor dem Challenger-Tour-Final am dritten Spieltag in zwei Matches mit nur drei gewonnenen Games abschlachten, um sich nach einer indiskutablen und beinahe beschämenden Vorstellung in einer Aussprache mit Papa Rüdiger wieder zu finden. Da wurde geklärt, ob Nils noch Lust am Tennis habe oder nicht. Und auch das Umfeld des 16jährigen muss jetzt mit dem entsprechenden Fingerspitzengefühl an die Sache herangehen, wovon man bei seinen Trainer-Profis ohnehin ausgehen kann. Denn wir dürfen allesamt nicht vergessen, dass wir es bei Nils Klermund mit einem 16jährigen Teenager zu tun haben, der Tennis über alles liebt, aber eben auch nur ein Mensch ist. Die Saison war lange, körperlich anstrengend, und im mentalen Bereich – alleine vom Stadthallen-Turnier her – von außergewöhnlichen Ereignissen geprägt. Vielleicht braucht der junge Mann auch nur mal ein bißchen Pause. Nach seinen Aussagen auf der Pressekonferenz könnte man fast darauf schließen: “Wenn man so spielt wie ich heute, dann ist man selber schuld wenn man verliert. Das ist eine Katastrophe. Normal muss ich dieses Match 6:1, 6:1 gewinnen. Jetzt muss ich schnellstens herausfinden, wie man Tennis spielt ohne ständig nachzudenken und ängstlich zu sein. Das war heute erbärmlich, dabei habe ich gestern im Training noch so gut gespielt. Es gibt einfach kein einziges Match mehr, wo ich nicht ständig nachdenke. Das macht mich krank. Alle haben mir zur Stadthalle gratuliert, aber im Hinterkopf weiß ich genau, dass ich dieses Ding nur mit Glück gewonnen habe. Der Stadthallensieg war nur “Wille, Laufen und Kondition”. Hätte Daniel Riel mit ein bißchen mehr Kopf gespielt, dann wäre er der Sieger gewesen. Die Enttäuschung über das Ausscheiden hier ist riesig, das kann sich niemand vorstellen. Eine einzige Katastrophe! Ich muss jetzt den Kopf frei bekommen und nach vorne schauen. Ich muss hart arbeiten, sonst werde ich auch in Zukunft nicht über die Challenger-Tour hinauskommen”, zeigte sich Klermund in einem tief emotionalen Gespräch doch auch optimistisch was die Zukunft bringt.

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