Historischer Klermund-Erfolg beim Erste-Bank-Open-Challenger in der Wr. Stadthalle

Jungstar Nils Klermund hat am letzten Samstag im Endspiel des Erste Bank Open Challenger-Turniers für einen historischen HTT-Moment gesorgt. Der erst 15jährige Franzose setzte sich in einem kuriosen Teenager-Finale gegen seinen um ein Jahr jüngeren Clubkolllegen Daniel Riel nach 76 Minuten und drei Sätzen mit 1:6, 6:4, 6:1 durch, und sorgte damit im fünfundzwanzigsten Bestandsjahr der Hobby-Tennis-Tour mit seinem Premieren-Titel für den allerersten Turniersieg Frankreichs. Damit ziert mit der “Grande Nation” nun ein zwanzigstes internationales Land die Siegerlisten der Hobby-Tennis-Tour-Geschichte. Klermund avancierte zudem zum 260. Turniersieger der Open Ära, und wurde nach seinem Stadthallen-Triumph auch noch mit einem Interview am großen Centercourt vor rund 6000 Zuschauern belohnt. Ein Bericht von C.L

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Auswirkungen des Wahnsinns-Drucks – Klermund wird in der Nacht vor dem Finale von Fieber und Albträumen geplagt

Es war ein aufregender Tag, der am vergangenen Samstag knapp nach 21 Uhr für den neuen französischen Tour-Jungstar zu Ende ging. Ein eigentlich schon verloren geglaubtes Match gegen einen außerirdisch gut spielenden Vereinskameraden noch gedreht, ein Finale am B-Court mit atemberaubendem ATP-Flair wie Ballkindern, Schiedsrichter, Anzeigetafel und Zuseher erlebt, einen Spießrutenlauf mit der megagroßen und golden glänzenden Trophäe durch die Zuschauermassen in der Stadhalle vollzogen, und ein auf die Vidiwall projiziertes Live-Interview am großen Centercourt beim Doppel-Semifinal-Auftritt von Jürgen Melzer, das sind schon ganz schön viele Eindrücke, die da auf den erst 15jährigen Jungspund eingeprasselt sind. Und das so ein Final-Auftritt mit den erwähnten Rahmenbedingungen mental gar nicht so leicht wegzustecken ist, bekam der spätere Sieger sogar nächtens vor dem finalen Spieltag zu spüren. Mitten in der Nacht wachte Nils daheim in Niederösterreich plötzlich schweißgebadet mit Fieber und von Albträumen geplagt auf, und bekam so den ganzen Druck auch körperlich präsentiert. “Ich habe geträumt, dass ich vor vielen Zuschauern spiele, und dort mit 0:6, 0:6 versage”, erzählte der Jungstar später im Interview ganz ehrlich.

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Die Anfangsphase: Nils Klermund schockt mit peinlicher Vorstellung und megacooler Daniel Riel verblüfft mit Zaubertennis

Naja, und viel hätte nicht gefehlt, und aus Nils Albraum wäre um ein Haar bitterste Realität geworden. Der 15jährige taumelte hypernervös und völlig ohne Zugriff auf das Spiel über den B-Court der Wiener Stadthalle, und sorgte draußen im Publikum für ungläubige Blicke. Papa Rüdiger wirkte schockiert und beinahe peinlich berührt, ob der Katastrophen-Vorstellung seines Sohnes, und Halbfinal-Opfer Sascha Kobsik ärgerte sich über die matte Leistung seines Bezwingers und äußerte Verwunderung über die zwei Gesichter des jungen Franzosen. Doch das der stressgeplagte Teenie im wichtigsten Endspiel seiner bisherigen Karriere mit einer inferioren Darbietung einem Mega-Debakel entgegensteuerte, lag nicht nur an den äußeren Umständen, sondern auch an einem bombastisch spielenden Daniel Riel. Der 14jährige vom TK Big Point Muckendorf verblüffte 38 Minuten lang die Zuschauer in der Halle, und lieferte ganz großes Kino ab. Es war mehr als eine Talentprobe, die der Jungstar auf dem schnellen Opti-Court der B-Halle ablieferte. Riel zauberte ein von spektakulären Winner-Schlägen geprägtes Power-Tennis auf den ATP-Boden, und degradierte seinen Vereinskollegen zu einem bemitleidenswerten Statisten. Riel schoss praktisch aus allen Lagen, der ungleiche Final-Fight hatte irgendwie was von einem Rocky-Film. Jeder Winner des 14jährigen wirkte auf den späteren Sieger wie ein kassierter Volltreffer ins Gesicht. Klermund taumelte planlos und völlig überfordert über den Platz, während Riel die verdiente Bewunderung des Publikums zu Teil wurde. Und dort saß die staunende und schwer beeindruckte HTT-Prominenz, wie beispielsweise Masterssieger Philipp Schneider. Und auch der Ranglisten-Erste bestätigte den allgemeinen Eindruck in der Halle. Riel war der coolste der vier Finalisten, und spielte 40 Minuten lang einen schnelleren Ball als zuvor die Herren Klager und Negrin.

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5 Minuten “Konstanz” fehlten Daniel Riel zum größten Erfolg seiner Karriere

Es war schon phantastisch mit anzusehen und höchst imposant, wie cool und abgeklärt der erst 14jährige Daniel Riel an das Unternehmen “Erste Bank Open Challenger-Finale” heranging. Als ob es die normalste Sache der Welt wäre, hämmerte der junge Niederösterreicher auf den kleinen gelben Filz, und schoss sich so auch in die Herzen der Zuschauer. Nach nur 10 Minuten hatte er per Doppel-Break ein 4:0 inne, nach nur 18 Minuten den ersten Satz mit 6:1 unter Dach und Fach gebracht, und weitere 20 Minuten später beim Stand von 6:1, 4:2 fast schon die Hand am Pokal. Hätte der Riel-Junior noch 5 Minuten durchgehalten, und die Wahnsinns-Performance finalisieren können, dann wäre Klermund mit einem Debakel erster Güte aus der Stadthalle entlassen worden, und Riel wohl zum umjubelten Shooting-Star des Mega-Events aufgestiegen. Doch “hätte, wenn und aber” zählen im Sport letztlich nichts, und so avancierte Riel am Ende zum tragischen Helden des großen Challenger-Finales.

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6:1, 4:2, und trotzdem verloren – War es Müdigkeit oder doch eine Kopfsache?

Was dann kam, kann man getrost als Comeback des Jahres bezeichnen, und dokumentiert aus Sicht des später Unterlegenen recht deutlich, wie brutal der Tennissport manchmal sein kann, und vorallem wie schnell es oft plötzlich in eine andere Richtung geht. Genau 38 Minuten hatte Riel nur benötigt, um seinen völlig überforderten Clubkollegen mit sensationeller Tenniskunst an der Rand der Niederlage zu bringen. Exakt 38 Minuten später war Riels Traum aber ausgeträumt, und der 14jährige unglaublicher Weise geschlagen. Nur mehr 1 Game war dem bis dahin so galaktisch aufspielenden Junior gegönnt, während Klermund mit einem “Comeback a’la Rocky” das Unmögliche möglich machte. War es Müdigkeit, die seitens Riels nach 10 Matches in 8 Tagen nur zu verständlich gewesen wäre. Oder war es doch eine Kopfsache, als der großgewachsene Teenager bei 4:3 und eigenem Aufschlag mit vier Eigenfehlern en suite die Trendwende zu seinen Ungunsten einleitete? Klermund nahm jedenfalls den geschenkten Viererpack dankend an, ging mit eigenem Service erstmals in diesem Spiel mit 5:4 in Führung, und schob den ohnehin schon unendlich schwer wirkenden Druck auf Riel, der prompt in die Knie ging, und sein Service zum 4:6 Satzverlust abgeben musste.

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Wenn auch 46 Winner nicht reichen – Riel schießt sich mit 69 unforced errors ins Verderben

Damit war das Endspiel des größten Turniers der HTT-Geschichte wieder völlig offen, und doch bereits vorentschieden. Weil Riel der entgangenen Jahrhundert-Chance nachtrauerte, und Klermund die zweite Luft bekam. Ganze 17 Minuten dauerte der finale dritte Durchgang, der zu einer sportlichen Hinrichtung Riels wurde. Jeder der Zuseher und alle die schon einmal Turniertennis gespielt haben, entwickelten in diesem Augenblicken des Entscheidungssatzes kann sicher Mitleid mit dem 14jährigen Power-Server. Es ging nichts mehr beim eineinhalb Sätze lang groß aufspielenden Riel, der sich mit 26 unforced errors im dritten Heat ins Verderben schoss, und insgesamt 69 dieser ärgerlichen unerzwungenen Fehler produzierte. Das war natürlich um Häuser zu viel, vorallem bei einem Defensiv-Künstler wie Nils Klermund, der taktisch klug die Bälle nur mehr übers Netz schaufelte, und auf die sicher kommenden Fehler seines Gegners wartete. So reichten Riel am Ende auch 46 teils phantastisch übers Netz gejagte Winner nichts, nach exakt 1:16 Stunden hatte der Horror aus Sicht des 14jährigen ein Ende.

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“Ich werde wiederkommen und weiter an mir arbeiten”, und warum der Sieger eine Schelte seines Trainers Norbert Richter kassierte

“Ich werde wiederkommen und weiter an mir arbeiten”, zeigte sich Riel nach dem erlebten Albtraum gefasst, während die Eltern eine rasche und logische Erklärung für die Niederlage des Sohnemannes fanden: “Er ist gegen Ende des zweiten Satzes müde geworden. Die Anstrengungen der letzten Tage haben sich doch bemerkbar gemacht”. Indes: Die Darbietung des Daniel Riel bis 6:1, 4:2,  – auch wenn er sich jetzt nichts davon kaufen kann – war mehr als grandios. Bei einem Endspiel am B-Court der Wiener Stadthalle mit vollem ATP-Rahmenprogramm derart cool und frech raus auf den Platz zu gehen, und sein bestes Tennis abzuliefern, verlangt vollsten Respekt und Anerkennung der gesamten Tour-Familie. In einem 128er-Raster ins Endspiel zu kommen, ist ebenfalls eine mehr als sehenswerte Leistung. Auf der Hobby-Tennis-Tour freilich, werden aber nur die Turniersieger zu ganz großen Helden und extremst abgefeiert sowie belohnt. Und so war es Frankreichs neue HTT-Tennishoffnung, die nach 38 Minuten mit 1:6, 2:4 am Boden liegend aufstand, und zu einem ganz großen Comeback-Triumph kam. Auch wenn es von dem im Publikum sitzenden Coach Norbert Richter eine verdiente Schelte in Sachen spielerischer Darbietung setzte, so muss man die Leistung des 15jährigen trotzdem extrem würdigen. Auch wenn Nils vom kapitalen mentalen Blackout seines Gegenübers massiv profitierte, so musst du erst einmal nach 1:6, 2:4 und permanent kassierten Tiefschlägen derart aufstehen und zurückkommen, wie es Klermund am frühen Samstag Nachmittag gelungen ist.

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Klermunds Liebesbekenntnis und sein großer Auftritt am Centercourt vor 6000 Zuschauern

Das größte Turnier der Open Ära gewonnen, genoss Nils dann den semifinalen ATP-Nachmittag mit Stars wie David Ferrer, Philipp Kohlschreiber, Andy Murray und Jürgen Melzer. Und der Super-Tennis-Tag hatte am Ende noch eine bombastische Überraschung für den Sieger parat. Der HTT-Veranstalter fädelte kurzerhand ein Interview mit dem frischgebackenen Champion ein. Allerdings kein gewöhnliches, sondern eines vor 6000 Zuschauern am Centercourt der Wiener Stadthalle. Über zwei Stunden musste Nils warten, und so stieg noch einmal die Nervosität des Teenagers in ungeahnte Höhen. Beim Melzer-Doppel war es dann soweit, wurde Nils öffentlich interviewt, und erntete den verdienten Applaus von 6000 Zuschauern für einen epochalen und historischen Triumph. “Ich liebe einfach den Tennissport, und ich halte keinen Tag ohne Tennis aus. Ich genieße jeden Moment, in dem ich einen Tennisschläger in der Hand halten darf, und der heutige Tag war ohnehin obergeil. Das Turnier war der Wahnsinn, und ich bin sehr stolz und glücklich darüber, dieses Turnier gewonnen zu haben”, erklärte Klermund bei der abschließenden Pressekonferenz. Der 15jährige ist aber nicht nur Frankreichs erster Titelträger und der insgesamt 260. Turniersieger der Geschichte, sondern Nils holte auch den 88. internationalen Turniersieg der Open Ära und avancierte zum 76sten verschiedenen Siegergesicht der heurigen Saison im 84. Turnier des Jahres 2014.

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