Denkwürdige Kiss-Gala im “heißen” Viertelfinale des Juni-HTT-250-Turniers auf Terra Rossa

Pfingst-Montag in Österreich, einer von insgesamt 17 Feiertagen in diesem Jahr, und ein Feiertag war der gestrige vierte Spieltag beim Juni-HTT-250-Turnier beim TC Terra Rossa auch für die Hobby-Tennis-Tour insgesamt. Es war ein genialer Festtag für das Tennis, bei Kaiserwetter und 33 schattigen Graden hoch droben in der Rosensteingasse zu Hernals. Aktive und Zuschauer erlebten ein sehenswertes Tennisfest mit wunderbaren Matches und noch genialeren Resultaten. Im mit tropischer Afrika-Luft aufgeheizten Backofen “Terra Rossa” verglühte am Montag Nachmittag so mancher Titelfavorit und am Ende des Tages mit Andreas Tolunay auch die letzte heimische Hoffnung auf den vierten Terra-Rossa-Heimsieg der Open Ära. Es gab kurioseste Ergebnisse zu bestauen, exzellente Leistungen der Doppel-Stars beim “HTT-French-Open-Double-Turnier” und den Aufstand der Teenies bei der gleichzeitig stattfindenden 2. Auflage des Juni-Future-Turniers. Alles zusammen machte einen phantastischen Tennistag aus, auf den wir nachfolgend zurückblicken wollen. Ein Bericht von C.L

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Andreas Tolunay hielt im Semifinal-Schlager des Juni-HTT-250-Turniers gegen Mario Kiss als letzter heimischer Spieler die Fahne des TC Terra Rossa hoch

Es war knapp nach 17:30 Uhr am gestrigen Pfingst-Montag, als sich die Ränge vor dem Centercourt des Gastgeber-Vereins füllten, und die Spannung vor dem ersten Halbfinale beim 14. Juni-HTT-250-Turnier merklich stieg. Nachdem sich im Achtelfinale das Gros der heimischen Tennis-Cracks verabschiedet hatte, hielt der an Nummer 3 gesetzte Andreas Tolunay die Fahne des TC Terra Rossa als einziger der ansonsten enttäuschend abschneidenden Rothemden hoch. Und diesem Andreas Tolunay – im Winter noch heftigst von einer breiten Front an anonymen Facebook-Usern kritisiert – traute man plötzlich zu, doch noch für ein Happy End aus Terra Rossa Sicht zu sorgen. Und das hatte wohl mehrere Gründe: Einerseits hatte sich der Lokalmatador im Viertelfinale gegen den höher eingeschätzten Markus Krach souveränst mit 6:2, 6:1 sein Semifinal-Ticket auf heimischen Boden gesichert. Außerdem machte sein semifinaler Kontrahent Mario Kiss fünf Stunden zuvor im Viertelfinale alles andere als eine blendende Figur gegen Challenger-Tour-Final-Champion Gerald Marhold (dazu später mehr in diesem Bericht), und dann waren da natürlich noch die äußeren Verhältnisse, die eigentlich ganz klar für Andreas Tolunay sprachen. Der 21jährige, fit wie ein Turnschuh, gegen den um die Hüften etwas rundlichen Herausforderer, der sich zur Mittagsstunde eher behäbig über die rote Asche des 2er-Courts schleppte. Bei weit über 30 Grad im Schatten stand Tolunay vielleicht vor der Jahrhundert-Chance, den 3fachen HTT-Champion erstmals in seiner Laufbahn in die Knie zwingen zu können.

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Nichts für trödelnde Zuschauer – Mario Kiss fertigt Lokalmatador Andreas Tolunay in Rekordtempo und nach nur 32 Minuten mit 6:0, 6:0 ab

Doch dann folgte am Centercourt des TC Terra Rossa wahrlich “‘Unglaubliches”. Wer nicht rasch genug seinen Platz eingenommen hatte, wer sich trödelnd erst mit kühlen Getränken versorgen musste, oder womöglich noch auf einem anderen Court die weiteren Matches zum Tag beobachtete, und sich vielleicht dachte, ich sehe mir dann den zweiten Satz des ersten Semifinales an, der hatte auch schon Alles was sich in diesem vierten direkten Duell der beiden Top-20-Stars ereignen sollte, versäumt. Denn am späten Nachmittag des 9. Juni 2014 wurde man Zeuge eines unfassbaren und in Rekordtempo absolvierten Auftritts von Mario Kiss. Der 35jährige, zuletzt immer wieder gescholtene Ex-Ranglisten-Erste und seit Wochen und Monaten auch in der Kritik stehende 11facher Titelträger, düste wie in seinen allerbesten Zeiten zu einem in 32 Minuten fixierten 6:0, 6:0 Kantersieg, der für staunende Gesichter im Anerkennung klatschenden Publikum sorgte, und wohl noch länger für Gesprächsstoff im Circuit sorgen wird. Es war kurzum eine sensationelle Demonstration des phantatischen Könnens, das nach wie vor im Handgelenk des Altmeisters schlummert, das er aber leider aufgrund seiner körperlichen Defizite nur noch ganz selten zum Besten geben kann.

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“Ich habe den Leuten heute gezeigt, was der alte Kiss noch so drauf hat”

Nach verwandeltem Matchball kam nach ganz ganz langer Zeit wieder einmal die legendäre Kiss-Faust, und als er dann in das noch immer fasziniert blickende Publikum aufsah, war es wieder da, das “Funkeln und Glitzern in seinen Augen”, wie man es früher bei den großen Kiss-Triumphen immer wieder zu sehen bekam. Ein breites glückliches Grinsen hatte der 35jährige Power-Server dann beim Abziehen des Platzes, die Genugtuung, es den Kritikern gezeigt zu haben, dazu sich selbst den Beweis geliefert zu haben, es immer noch “drauf zu haben”, und Gegner und Zuschauer mit einer Sandplatz-Gala-Darbietung vom Allerfeinsten verwöhnt zu haben, machte Kiss in diesen Minuten zum glücklichsten Spieler auf der Anlage. Neben der spielerischen Perfektion, die Kiss in diesem Semifinal-Hit am Centercourt an den Tag legte, sprachen dann auch noch “runde Zahlen” für einen bei Kiss noch lange in Erinnerung bleiben Tennis-Feiertag in seiner Karriere. Im 270. Spiel seiner Laufbahn feierte er den 190. Sieg, und realisierte damit den 22. HTT-Finaleinzug seiner Ära, den ersten seit September 2012, als er “daheim auf Donaufeld” auch seinen letzten Titelgewinn feierte. “Ich habe heute einfach alles getroffen, und ich bin richtig glücklich über diese Leistung. Ich habe es mir noch einmal selbst bewiesen, und den Leuten gezeigt, was der alte Kiss noch so drauf hat. Es war einfach ein Match, wo vom ersten Ballwechsel an alles gepasst hat, und wo ich von der ersten Minute an Spaß am Tennis hatte. Dieses Spiel hat wieder einmal gezeigt, wie wichtig es bei mir ist, dass ich mich wohl fühle und wie abhängig mein Spiel von meiner Gemütslage ist”, strahlte der Sieger. Und auch die zuletzt oftmals auf ihn einprasselnde Kritik, hatte wohl ein bißchen zur phänomenalen Leistungs-Explosion beigetragen. “Als ich heute Vormittag auf der Homepage gelesen habe, dass ich mich schon wieder ins Viertelfinale “gejammert” habe, ist mir das schon ziemlich am “Ar… gegangen”. Aber damit muss ich umgehen. Ich weiß, dass ich an guten Tagen wie z.B dem heutigen, jeden Spieler auf der Hobby-Tennis-Tour schlagen kann. Das zu wissen, genügt mir eigentlich. Ich habe zumindest im Moment nicht die Motivation, mich nochmals voll reinzuknien, um z.B. die Nummer 1 zu werden”, erklärte der 35jährige vom TC Donaufeld.

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Der zum Statisten degradierte Andreas Tolunay leckt seine Wunden, aber wielange wird die Heilung dieser mentalen Wunden dauern?

Indes: Im Schluss-Statement wird wohl auch ein bißchen “Flachsen” dabei gewesen sein, denn einer wie Kiss, der den Tennissport liebt und stets nach großen Erfolgen strebte, wird es nicht so richtig gut schmecken, wenn man sich seitens der Kollegenschaft eher despektierlich über ihn äußert. Den 3fachen Major-Champion mit dem rechten “Super-Pratzerl” hatte beispielsweise vor einer Woche nicht einmal der optimistischte Experte auf der Rechnung für ein Spitzen-Resultat. Die Mitspieler haben ihn abgeschrieben, wenn es darum geht, die Grand-Slam- und Masters-Series-1000-Trophäen zu verteilen. Niemand spricht auch nur im Entferntesten über den 11fachen Turniersieger, obwohl sie allesamt und jederzeit ein Tolunay-Schicksal erleiden könnten. Derweil leckte der unterlegene Lokal-Hero seine Wunden, und die werden nach dem erlittenen Mega-Debakel vorallem im mentalen Bereich richtig tief sein, und womöglich eine längere Phase der Heilung benötigen. Denn das was Tolunay am Montag Nachmittag am Centercourt seines Heimvereins widerfuhr, ist sportlich gesehen so ziemlich das Schlimmste, was einem Tennisspieler passieren kann. Am “zentralen Court” des Heimat-Clubs vor den Augen von Clubkollegen und Freunden anzutreten, dazu mit der Erwartungshaltung die Kastanien für den eigenen Club aus dem Feuer holen zu müssen, und dann noch gegen einen Gegner, den Experten unmittelbar vor der anstehenden Hitzeschlacht als zum abschlachten bereites Opfer sahen, ist an und für sich für viele Spieler eine reizvolle Aufgabe, die sie in dieser Form gar nicht so oft geboten bekommen. Wenn man dann aber von einem entfesselt aufspielenden Gegner vorgeführt wird, und sich in knapp mehr als einer halben Stunde einer denkwürdigen Demontage stellen muss, in der man eigentlich zu weniger als einem Statisten degradiert wird, dann kann man getrost vom dunkelsten Kapitel und schwärzesten Karriere-Moment sprechen.

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“Das war der absolute Wahnsinn, der Mario hat aus allen Ecken des Platzes geschossen. In dieser Form schießt er auch den Philipp Schneider in 50 Minuten vom Platz”

Und den erlebte Andreas Tolunay in brutalster Ausführung, ja selbst eine halbe Stunde nach der sportlichen Hinrichtung, konnte es der 21jährige nicht fassen. “Ich hätte nie gedacht, dass der Mario dieses unfassbare Tennis länger als ein paar Games durchspielen kann. Darum war ich am Anfang auch nicht beunruhigt. Ich habe immer gehofft, in ein bis zwei Games wird dieser Lauf abreißen, und auf einmal war das Match zu Ende”, zeigte sich Tolunay geschockt. “Das war der absolute Wahnsinn. Ich habe noch nie ein Match 0:6, 0:6 verloren. Selbst der Damian Roman im Achtelfinale der HTT-French-Open von letzter Woche hat nicht so stark gespielt wie der Kiss heute. Der Mario hat aus allen Lagen und Ecken des Platzes Winner geschossen, sowas habe ich noch nie erlebt. Wenn er so wie heute spielt, dann schießt er auch den Philipp Schneider in 50 Minuten vom Platz”, so der gezeichnete 21jährige. “Vermutlich bin ich auch schon mit der falschen Einstellung auf den Platz gegangen. Nachdem Kiss im Viertelfinale nur mit Glück in drei Sätzen gegen Marhold gewonnen hatte, war ich vielleicht zu locker. Ich dachte mir, der Kiss wird sich bei dieser Hitze kaum bewegen, und dann geschieht das Unfassbare”. Beim 125. Turnierstart verpasste Tolunay also sein 8. Karriere-Finale auf der Hobby-Tennis-Tour, und womöglich sind dem Terra-Rossa-Star am Montag Nachmittag genau diese heißen Wetter-Verhältnisse zum Verhängnis geworden.

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Wie Marokko-Hoch “Wolfgang” dem unfiten Mario Kiss am Pfingst-Montag in die Karten spielte

Natürlich ist Tolunay um Längen fitter als Mario Kiss, doch die von “Hoch Wolfgang” aus Marokko herbeigeschaufelte Heißluft zwang Kiss schon vor dem vierten direkten Duell mit Tolunay in ein taktisch recht enges Konzept. Lange Rallyes mit dem 21jährigen Jungspund konnte Kiss nicht mitgehen, von daher war der Plan vom ersten Aufschlag an sonnenklar. Kiss würde in jedem Ballwechsel voll auf die Kugel drauf gehen, höchstes Risiko nehmen, und ein echtes “Alles oder Nichts Match” am Centercourt des TC Terra Rossa abliefern. Von daher hatte Tolunay – im Vorfeld betrachtet – eigentlich ein relativ leichtes Spiel vor sich, und eine dankbare Rolle inne. Viele Gedanken über Taktik und Matchplan bedurfte es aus Sicht des Jungstars nicht. Geht das Hasard-Tennis seines Gegners auf, dann bleibt Tolunay nicht mehr als das bedauerliche “Bälle klauben”, trifft Kiss nichts, dann wäre der Weg zum “Finale daheim” wohl auch zum einem Spaziergang verkommen. Und so sollte Tolunay dieses Debakel am Ende auch sehen und einordnen. Es braucht jetzt nicht lange, um sich in “Scham & Trauer” zu verstecken. Kiss hatte einen Wahnsinns-Tag, als solcher wird er auch lange in Erinnerung bleiben, doch ein sportlicher Rückschritt war das aus Sicht des Ranglisten-Siebzehnten mit Sicherheit nicht. Wenn sich Tolunay in der brütenden Hitze zu Hernals einen kleinen Vorwurf machen will, dann diesen, dass er Kiss vielleicht zu oft über dessen Vorhand begegnete. Dem Power-Server vom TC Donaufeld in die Vorhand zu spielen, ist aber ungefähr so, wie wenn man einen unbeschrankten Bahnübergang ohne links und rechts zu schauen quert. Dann kann es schon einmal zu einem Mega-Crash kommen, bei dem man schwerstens unter die Räder gelangt.

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3 Punkte zwischen Triumph & Blamage, und wie Mario Kiss zu “High Noon” im Duell mit Challenger-Spieler Gerald Marhold um ein Haar zum “Loser des Tages” avanciert wäre

Die denkwürdige Kiss-Gala war famos, aber noch genialer ist der Blick auf die Montags-Resultate, der deutlich offenbart, wie eng Sieg und Niederlage, Triumph und Tragödie doch auf der Hobby-Tennis-Tour beieinander liegen. Denn ganz ehrlich: Eigentlich hätte Tolunay am späten Nachmittag des heißesten Pfingst-Montags aller Zeiten gegen Gerald Marhold spielen müssen, und nicht gegen den an der “2” gesetzten Mario Kiss. Der 35jährige war am Ende des vierten Spieltages der ganz große gefeierte Held, der Mann dem Applaus und Anerkennung für eine Tennis-Show der Extraklasse verdienter Maßen zu Teil wurden. Doch ganze drei lächerliche Pünktchen fehlten Stunden zuvor, und Kiss wäre mit einer Blamage gegen den amtierenden Challenger-Tour-Final-Champion Gerald Marhold als größter Trottel der HTT dagestanden. Nur drei Punkte fehlten wiegesagt, als Marhold im dritten Satz des Viertelfinal-Duells mit Kiss 5:3 führte und bei eigenem Aufschlag samt 15:0 Führung die Nerven schmiss. Einem lustlos wirkenden, sich nicht bewegen wollenden und grottenschlecht spielenden Mario Kiss hatte Marhold nicht nur den ersten Satz abgenommen, sondern im Finish tatsächlich die Jahrhundert-Chance am Schläger, einen 11fachen Turniersieger und 3fachen Grand-Slam-Gewinner zu besiegen. Das schoss Marhold nach einem – das 15:0 bringenden – Service-Winner gedanklich durch den Kopf, und damit war es auch schon um ihn geschehen. “Da habe ich gedacht, Wahnsinn jetzt kannst Du tatsächlich einen Spieler des Kalibers Mario Kiss schlagen, und dann bin ich richtig nervös geworden”, so der tragische Held des Tages. Kurios auch, dass sich Marhold nach dem Aufschlag-Winner zum 15:0 plötzlich befähigt fühlte, dem ehemaligen Ranglisten-Ersten auf der anderen Seite des Netzes mit Brachial-Tennis das Genick brechen zu wollen. Es hätte wohl gereicht, wenn Marhold den kleinen gelben Filz in schön übersichtlicher Höhe auf die Rückhand seines Gegners geschaufelt hätte. Doch nein, Marhold wollte jetzt den größten Einzelsieg seiner Karriere auch noch mit glanzvollen Winnerschlägen krönen, und lief so direkt hinein ins Verderben.

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Gerald Marhold über die verpasste Jahrhundert-Chance seiner HTT-Karriere

“Vor dem Turnier wäre ich mit dem Erreichen des Viertelfinales natürlich hoch zufrieden gewesen. Zwei Siege bei einem HTT-250-Turnier sind für mich das zu erreichende Maximum. Darum ist die Enttäuschung über den verpassten Sieg jetzt auch nicht so groß. Natürlich hätte ich gerne gewonnen, und diese einmalige Chance wahr genommen, aber es sollte eben nicht sein. Bei 5:3 und 15:0 sind mir plötzlich zu viele Gedanken durch den Kopf gegangen. Wann kommst du als Challenger-Spieler schon einmal in die Situation, einen Topmann wie Mario Kiss schlagen zu können. Ich habe rasch gesehen, dass sich der Mario in der großen Hitze nicht viel bewegen wollte, und daher habe ich auch versucht, ihn so viel wie möglich laufen zu lassen. Er hat dann auch sehr viele Fehler gemacht. Allerdings war ich am Schluss taktisch nicht clever genug. Bei 5:3 und 15:0 dachte ich mir, ich muss die nächste Vorhand mit 200 km/h ins Feld knallen. Aber man muss am Ende auch sagen, dass ein Sieg über den Mario zwar echt super gewesen wäre, allerdings hätte man diesen auch realisitisch einordnen müssen. Ich bin nicht so vermessen zu glauben, bei anderen Bedingungen gegen ihn gewinnen zu können, zeigte sich Marhold einmal mehr von seiner bescheidenen und sportlich höchst fairen Seite.