Epochaler Kiss-Triumph und der Jubiläums-Auftritt einer Hobby-Tennis-Legende

Die Hobby-Tennis-Szene verneigt sich vor HTT-Topstar Mario Kiss! Der 34jährige Wiener Neustädter hat nämlich am Sonntag Abend im Viertelfinale des März-HTT-250-Turniers im UTC La Ville, sein vielbestauntes und von den Kollegen interessiert verfolgtes Comeback, mit einer wahren Gewaltleistung zu einer triumphalen Rückkehr gemacht. Vor 51 Tagen noch am Operationstisch im Krankenhaus Wiener Neustadt gelegen, vor zwei Wochen – beim Besuch des Februar-Masters-Series-1000-Turniers – noch wie ein 90jähriger Greis durch die Gänge geschlichen, lieferte der Comeback-Star in der sonntägigen Night-Session des 12. Saisonturniers gegen die türkische Nummer 1 Hüseyin Tüfekci eine epochale Vorstellung ab. Der Ranglisten-Dritte stand knapp zweieinhalb Stunden auf dem Court, ehe er zwei krasse Rückstände noch in den ersten Sieg im dritten Duell mit dem Halbmond-Server umgewandelt, und mit 1:6, 7:5, 7:6 das Semifinale des dritten HTT-250-Saisonturniers erreicht hatte. Ebenfalls unter den letzten Vier des 250. Hallen-Events der Open Ära stehen der an Nummer 3 gesetzte Jürgen Buchhammer, der nach zwei glatten Sonntags-Erfolgen bereits seit 7 Spielen im Circuit ungeschlagen ist, und die beiden “Überraschungs-Halbfinalisten” Christopher Caesar und Andreas Motycka, die im direkten Duell am Montag Abend um einen Platz im Endspiel kämpfen werden. Ein Bericht von C.L

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Mario Kiss dreht mit “unmenschlicher Leistung” zwei krasse Rückstande im Viertelfinale

Es war knapp nach 22 Uhr, als Mario Kiss völlig verausgabt auf der Spielerbank von Court Nr. 7 lag, und selbst kaum fassen konnte, was für ein Husarenstück ihm da in den vergangenen 150 Minuten gelungen war. Der topgesetzte Donaufeld-Star hatte erstmals in seiner Karriere den türkischen Power-Server Hüseyin Tüfekci bezwungen, und was noch viel eindrucksvoller war, auch über den eigenen Körper und Geist triumphiert. Es war ein epischer Akt der Willensstärke, mit der sich “Super-Mario” am Sonntag Abend im letzten Match des dritten Spieltages beim 7. März-HTT-250-Turnier in die Runde der letzten Vier gekämpft hatte, wo sich der rekonvaleszente HTT-Top-Star mit ganz neuen Eigenschaften präsentierte. Der 34jährige lag in seinem zweiten Comeback-Match nach dem operativen Eingriff am Steißbein gegen den voll fiten und austrainierten Ranking-Siebenten mit 1:6, 0:2 zurück, als der 3fache Major-Champion begann, aufgrund der aussichtslos scheinenden Situation, das Risiko in seinem Spiel zu erhöhen. Und weil auf der anderen Seite des Netzes ein siegessicherer Hüseyin Tüfekci plötzlich zu passiv agierte, nahm der Viertelfinal-Schlager am Altmannsdorfer Ast eine nicht mehr erwartete Wende. Kiss holte sich den zweiten Durchgang, ehe ihm im entscheidenden dritten Heat drohte, zum Opfer seiner anstrengenden Aufholjagd zu werden. Der logische konditionelle Rückstand nach drei Monaten Tennispause schien im letzten Viertelfinal-Duell des Abends den Ausschlag zu geben, als sich der 11fache Turniersieger einem 2:5 Rückstand gegenübersah. Das Kiss sich im Finish mit einer schier unmenschlichen Leistung ins “Semi” hievte, und über seine körperlichen Grenzen hinaus ging, lag speziell an seiner Einstellung, die er dieser Tage beim März-HTT-250-Turnier lebte.

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Mario Kiss mit neuer Sichtweise auf die Dinge zu einem der schönsten Erfolge seiner Karriere

Noch vor einigen Monaten wäre Kiss nach einem 1:6, 0:2 Rückstand “unmotiviert” über den Court gelaufen, und hätte sich mehr oder weniger in die Niederlage ergeben. Der Donaufeld-Star war überspielt, agierte ohne dem nötigen Feuer, von Spielfreude gar nicht erst zu sprechen. Kiss nahm jedes sich anbietende Turnier mit, um im Ranking den Anschluss an Franz Mayrhuber zu wahren, und sich nach zweieinhalb titellosen Jahren endlich wieder einmal einen dieser so prestigeträchtigen Trophäen zu sichern, und das unsägliche Gerede rund um seine notorische Erfolglosigkeit zu stoppen. Spaß hatte Kiss – mit Ausnahme des Titelgewinns daheim auf Donaufeld – nicht wirklich. Doch die am 10. Jänner 2013 notwendig gewordene Operation am Steißbein, eröffnete dem 34jährigen eine neue Sicht auf die Dinge rund um sein liebstes Hobby. Drei Monate ans Bett und die Couch gefesselt, zur Untätigkeit auf sportlicher Ebene gezwungen, merkte Kiss bei seiner Rückkehr auf die Courts dieser Stadt, wie schön es ist, einfach nur Tennis spielen zu können, und wieviel es ihm bedeutet, mit dem Racket in Händen Bewegung zu treiben. “Als ich gegen Tüfekci 1:6, 0:2 zurücklag, war mir völlig egal wie dieses Match ausgeht. Aber ich wollte unbedingt so lange wie möglich auf dem Platz bleiben, um ganz einfach nur Tennis spielen zu können. Das war in diesem Moment meine Motivation”, schilderte die Nummer 1 des Turniers. Das sein türkischer Gegner in der Folge etwas zu siegessicher und damit leichtfertig mit seinem herausgespielten Vorsprung umging, war natürlich kein Nachteil für den 11fachen Titelträger. Imposant wurde der Kiss-Triumph aber speziell im entscheidenden dritten Durchgang, wo er einen 2:5 Rückstand wettmachte, und sich auch im Tie-Break bei 1:5 nicht unterkriegen ließ. Das er neben dem spielstarken Gegner auch noch horrende körperliche Qualen “mental” bekämpfte, machte den 1:6, 7:5, 7:6 Sieg von “Super-Mario” wohl zu einem der schönsten Erfolge seiner Hobby-Tennis-Tour-Karriere. Auch wenn es “nur” ein Viertelfinale auf 250er-Ebene war, aber dieser Kiss-Erfolg ist auch einer der bemerkenswertesten der Geschichte.

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“Ich habe sowas noch nie erlebt. Ich dachte nur, ich bleibe jetzt hier liegen und stehe nie wieder auf”

Bevor Tüfekci nämlich knapp vor 22 Uhr schließlich eine Vorhand im Netz versenkt, und damit das grandiose Viertelfinal-Duell beendet hatte, spielten sich teils dramatische Szenen am Centercourt ab. Kraftlos “stolperte” die “Eins” des Jubiläums-Turniers über den Platz, als ihm im dritten Heat als Höhepunkt die übersäuerte Oberschenkelmuskulatur einen Streich spielte, und der 34jährige plötzlich keinen Halt mehr auf den Beinen fand. Die Muskeln hatten einfach nachgegeben, Kiss ging zu Boden, und lag dort zwei Minuten wie benommen. “Ich habe sowas noch nie erlebt. Ich dachte nur, ich bleibe jetzt hier liegen und stehe nie wieder auf”, lachte Kiss später im Interview. “Im ersten Satz hat der Hüseyin einfach sensationell gespielt. Da hatte ich keine Chance. Bei 0:2 im zweiten Satz hat er dann unverständlicher Weise nachgelassen. Und mir war es einfach egal. Ich wollte einfach nur Tennis spielen, und habe daher versucht, so lange wie möglich auf dem Platz und im Match bleiben zu können”, schilderte der Sieger, der nach dem Matchball minutenlang auf der Spielerbank lag und mit Krämpfen in allen Bereichen seines Körpers kämpfte. “Ich bin ein Trottel. Bei 6:1, 2:0 habe ich mir gedacht, ok dieses Match gewinnst du sicher. Der Mario wird dieses Spiel abschreiben und nicht weiter kämpfen. Das mir das auch im dritten Satz bei 5:2 nochmals passiert, ist schon richtig ärgerlich”, analysierte Tüfekci, dem bei 5:4, 30:0 einmal nur zwei Punkte zum dritten Sieg im dritten Duell mit dem Comeback-Star fehlten.

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Lokalmatador Jürgen Buchhammer ist seit 7 Spielen ungeschlagen

Halbfinalgegner von Mario Kiss ist Titelfavorit Jürgen Buchhammer, der sich am Sonntag Nachmittag vergleichsweise “entspannt” für die Runde der letzten Vier qualifizierte. Der 29jährige Lokalmatador vom UTC La Ville fertigte zunächst im Achtelfinale den ambitioniert kämpfenden Qualifikanten Jens Gudenus mit 6:0, 6:0 ab, ehe er eine Runde später auch den oberösterreichischen Weidinger-Bezwinger Christoph Fragner mit 6:4, 6:1 das Nachsehen erteilte. Im 70. Match seiner Karriere bestätigte Buchhammer eindrucksvoll, dass es vermutlich seine Person sein wird, die es an diesem Wochenende zu schlagen gilt, wenn man den Pokal für den März-HTT-250-Titel aus dem UTC La Ville entführen möchte. “Ich bin jetzt sieben Spiele in Serie ungeschlagen. Es läuft wirklich gut, mehr gibt es nicht zu sagen”, verabschiedete sich der Februar-HTT-250-Champion am Sonntag Abend.

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Markus Hobiger als vierter Spieler der Geschichte mit 300 Einzel-Matches und nach Achtelfinal-Sieg über Marko Bogdanov im Kampf um erstes Semifinale seit September knapp an Andreas Motycka gescheitert

Einen ganz besonderen Auftritt hatte am Sonntag Nachmittag auch die Guntramsdorfer Hobby-Tennis-Legende Markus Hobiger. Der 36jährige musste im Achtelfinale gegen Deutschlands Terra Rossa Star Marko Bogdanov ran, und stand dabei zum exakt 300sten Mal in seiner HTT-Karriere in einem Single-Match auf dem Platz. Das “Hobi” ausgerechnet zum Jubiläums-Spiel die mit Abstand beste Saisonleistung abrufen konnte, machte ihn richtig glücklich, war in dieser Art und Weise nach der bislang höchst verkorksten Saison aber so nicht zu erwarten. Doch dann machte der Niederösterreicher nicht nur eine blendende Figur, sondern mit seinem Gegenüber aus dem Ruhrpott auch noch kurzen Prozess. Und das lag nicht etwa daran, dass Bogdanov einen schlechten Tag erwischt hätte! Nein, der Pritz-Bezwinger versuchte 48 Stunden nach seinem Erstrunden-Aufstieg wieder aggressiv und motiviert zum Erfolg zu kommen, doch egal was der Deutsche auch probierte, Hobiger hatte die passende Antwort parat. “Er hat wirklich großartig gespielt, das muss man ihm lassen”, lobte Bogdanov seinen Bezwinger, während sich die Nummer 4 des Turniers gleich zur nächsten Heldentat aufschwingen wollte. Doch im 301. Match seiner Laufbahn war gegen den Andreas Motycka ehrlich gesagt nichts zu holen. Denn der Guntramsdorfer kam gegen den Linkshänder vom AZ Tennisclub erst dann besser ins Spiel und zur Geltung, als Motycka von heftigen Rückenschmerzen geplagt, nur mehr “zweite Einwürfe” zur Spieleröffnung anzubieten hatte. So konnte Hobiger den zweiten Satz bis 5:5 offen halten, zum ersten Semifinal-Einzug seit September letzten Jahres reichte es aber nicht. Dennoch hatte Hobiger am Sonntag wieder einmal an seinem “Legenden-Status” gebastelt, den er ohne Zweifel in der Hobby-Tennis-Szene Ostösterreichs genießt. 300 Matches auf der Hobby-Tennis-Tour gespielt, das ist vor ihm erst drei Spielern in der Open Ära seit 1990 gelungen. Hobiger selbst ließ dieses “statistische Highlight” aber völlig unbeeindruckt. “Ok, ich habe 300 Spiele auf der HTT bestritten, aber das bedeutet für mich nix. Wenn ich 300 Siege hätte, wäre das was anderes. 300 Matches bringt man bald einmal zusammen, diese Statistik ist für mich nicht so wichtig”, grollte der 36jährige nach der Viertelfinal-Niederlage gegen Motycka. “Das ärgert mich ein bißchen, denn wenn ich so gespielt hätte wie im Achtelfinale gegen Bogdanov, wäre womöglich der Sieg drinnen gewesen. Gegen Bogdanov habe ich mein bestes Match in dieser Saison gespielt, und ich komme wie schon gesagt in ganz kleinen Schritten meiner Topform immer näher”, lächelte Hobiger, während sein Bezwinger von einem Arbeitssieg sprach, und eine Aufgabe im Semifinale überlegte. “Ich habe bei diesem Turnier schon drei Mal gespielt, und damit mehr als ich wollte. Im Semifinale nur einen Sparringpartner abzugeben, macht auch keinen Sinn. Für den nächsten Gegner müsste ich topfit sein”, meinte der 43jährige.

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Christopher Caesar steht nach 5 Sätzen gegen die Herren Baumann und Peyerl erstmals seit April 2010 wieder in einem Semifinale auf der Hobby-Tennis-Tour

Und dieser “nächste Gegner” heißt Christopher Caesar, der sich am Sonntag Abend in fünf hart umkämpften Sätzen sein erstes Semifinal-Ticket seit April 2010 sichern konnte. Der 29jährige legte bei seinem vierten Saison-Antreten zwei höchst unterschiedliche Auftritte hin, musste zunächst über zweieinhalb Stunden und drei Sätze kämpfen, ehe er die heftige Gegenwehr der Nummer 2 des Turniers Peter Baumann mit 6:4, 4:6, 6:4 gebrochen hatte, um sich im Anschluss im Viertelfinale überraschend deutlich in zwei Sätzen über Thomas Peyerl hinweg ins Semifinale zu setzen. Peyerl hatten viele Insider als spielerisch stark genug befunden, um Caesar im Kampf um eines der vier Vorschluss-Runden-Tickets erfolgreich ein Bein zu stellen. Als der Vienna-Cricket-Star dann auch noch die 150minütige Baumann-Partie in den Beinen hatte, war der Challenger-Tour-Final-Champion in seinem 190. Karriere-Match sogar schon Favorit. Aber Christopher Caesar wollte diesen ersten Semifinal-Einzug seit fast drei Jahren mehr als alles andere an diesem Abend, und damit begann er aufopfernd zu kämpfen. Spielerisch hat der 29jährige natürlich ohnehin das Zeug, um bei einem 250er-Turnier ganz vorne mitzuspielen, dass er aber nach drei mühsam gewonnenen Sätzen gegen Baumann noch “Einen draufsetzen” kann, kam dann doch überraschend. “Das war ein tolles Spiel. Ich kann mich gar nicht ärgern, und ich habe mir auch nichts vorzuwerfen. Wenn es so weitergeht, würde ich mich freuen. Die Hauptsache für mich ist, gute Matches zu haben, und das war heute ein solches”, war Terra-Rossa-Star Thomas Peyerl trotz Viertelfinal-Aus nicht unzufrieden.

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Alle Spieler der Hobby-Tennis-Tour-Geschichte mit 300 und mehr Matches

1. Claus LIPPERT 594 Matches 456 Siege 138 Niederlagen
2. Martin KOVA 574 Matches 375 Siege 199 Niederlagen
3. Christoph KRAMER 516 Matches 267 Siege 249 Niederlagen
4. Markus HOBIGER 301 Matches 126 Siege 175 Niederlagen