Türkischer Debütant sorgt für Überraschung zum Masters-Auftakt

Die 23. Auflage des Babolat-Masters-Turniers 2012 ist am Donnerstag Abend mit einer faustdicken Überraschung in Szene gegangen. Der 11fache Titelträger und Mastersfinalist von 2007 Mario Kiss musste sich im Eröffnungsspiel des Saisonfinales der Top 8 im UTC La Ville völlig unerwartet dem türkischen Masters-Debütanten Hüseyin Tüfekci geschlagen geben. Der 35jährige aus Izmir – eigentlich nur aufgrund der Absage des Ranglisten-Vierten Fabian Mayrhuber am Start – packte diese einmalige Gelegenheit beim Schopf, und gewann das Eröffnungsspiel nach spannungsgeladenen 2:21 Stunden mit 7:5, 2:6 und 7:5. Im Anschluss wurde Ranglisten-Leader Franz Mayrhuber seiner Favoritenrolle gerecht, und sicherte sich mit einem 7:5, 6:3 Erfolg über den rumänischen Underdogs Rares Maftei das Auftakt-Spiel der Gruppe A. Ein Bericht von C.L

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Nach 141 spannenden Minuten und 234 ausgespielten Punkten zum Masters-Auftakt steht fest: Mario Kiss zählt in dieser Verfassung nicht zu den ganz großen Titel-Anwärtern

Zwei arrivierte Top-Stars der Szene als Titel-Mitfavoriten gehandelt, und zwei internationale Masters-Debütanten in der Rolle der Underdogs, eigentlich schien für den Eröffnungstag des 23. Babolat-Masters-Turniers im UTC La Ville alles klar. Doch schon nach dem Auftakt-Match des großen Saisonfinales am Altmannsdorfer Ast, steht die Hobby-Tennis-Szene Kopf. Weil der als Favorit gehandelte Mario Kiss bei seinem vierten Masters-Antreten nach fast zweieinhalb stündigem Kampf erstmals überhaupt ein Auftakt-Match “vergeigte”, und damit in seinem 13. Masters-Single den 10. Einzelsieg auf Masters-Ebene verpasste, und sein Gegenüber bei der Premiere im Konzert der “Besten Acht” für einen “internationalen Auftakt nach Maß sorgte, ist schon nach dem ersten Spiel der Gruppe B, das von Insidern für logisch  befundene Aufstiegs-Szenario “ad absurdum” geführt. 141 Minuten packendstem Tennis mit 234 ausgespielten Punkten offenbarten im Eröffnugsspiel des Saisonfinales auf dem Opticourt-Belag des Centercourts aber auch, dass sich der 3fache Grand-Slam-Champion Mario Kiss nach einer eben erst überstandenen Grippe und einer dreiwöchigen Tennispause noch nicht in jener Form präsentiert, in der er zum engsten Kreis der Titel-Aspiranten gehören würde. Der 33jährige Power-Server vom TC Donaufeld ließ zwar im Duell mit Tüfekci immer wieder seine ganz große Klasse aufblitzen, insgesamt blieb Kiss aber vor den Augen von Freundin Tajana Lienbacher doch einiges schuldig.

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Kiss verliert Eröffnungs-Match beim Masters, obwohl er 4 Punkte mehr als sein Bezwinger macht

Wenn sich Kiss am Abend daheim die Match-Statistik des Auftakt-Schlagers von hobbytennistour.at zu Gemüte führen wird, dann könnte die Enttäuschung über den erstmals in seiner Karriere misslungenen Masters-Start vielleicht schon verflogen sein. Gut möglich freilich, dass beim Betrachten des noch online stehenden Live-Tickers, der Ärger aber wieder hochkommt. Denn Kiss musste am Donnerstag Abend eine wirklich unnötige Niederlage einstecken, die statistisch betrachtet sogar richtig bitter ausfällt. Du machst mit 119:115 gewonnenen Ballwechseln 4 Punkte mehr als dein Gegner, schießt 17 Winner mehr als dein Bezwinger, machst gleich viele Breaks wie dein Gegenüber, und musst trotzdem als Dreisatz-Verlierer vom Platz. Ja, dieser Eröffnungs-Hit zwischen dem Ranglisten-Dritten vom TC Donaufeld, und dem türkischen Masters-Neuling hatte es wirklich in sich. Tüfekci hatte den weitaus besseren Start in sein Premieren-Match beim Masters erwischt. Der 35jährige hatte Kiss gleich in dessen erstem Service-Game den Aufschlag zum 2:0 abgenommen, und nachdem er mit zwei abgewehrten Break-Bällen das prompte Re-Break vermieden hatte, lag der Linkshänder vom Bosporus optisch komfortabel 3:0 in Front. Auch bei 5:2 sah alles noch nach einem deutlichen Satzgewinn des Ranglisten-Neunten aus, doch mit einem zu Null gewonnenen Break hatte sich Kiss wieder zurück in diesen ersten Heat gekämpft. Und wer weiß, wie sich dieses Eröffnungs-Match aus Sicht des 11fachen Turniersiegers entwickelt hätte, wenn er seine Break-Chance zum 6:5 genützt hätte. Was in dieser heiklen Phase des ersten Satzes auffällt, ist die eklatante Vorhand-Schwäche des 33jährigen Wahl-Niederösterreichers, der mit immer wieder produzierten Fehlern bei seinem eigentlichen Parade-Schlag, dem türkischen Gegenüber ein ums andere Mal auf die Sprünge hilft. Mit zwei dieser “Vorhand-Faults” offerierte Kiss im zwölften Game des ersten Durchgangs seinem Kontrahenten dann auch zwei Satzbälle, wobei er den Zweiten mit einem Doppelfehler quasi selbst verwandelt.

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Kiss gleicht mit toller Hartplatz-Performance zum 1:1 in Sätzen aus

Die mangelnde Chancen-Auswertung mit nur 2 Breaks aus 6 Möglichkeiten war es, warum Kiss den ersten Durchgang nach 43 Minuten mit 5:7 abgegeben hatte. Immerhin demonstrierte der 33jährige im zweiten Satz aber eindrucksvoll, was er auf dem Opti-Court-Belag des UTC La Ville zu leisten im Stande ist. Mit einem sensationell geschlagenen Vorhand-Winner holte sich Kiss das Break zum 3:2, und in der Folge mit phantastischem Hartplatz-Tennis einiges an Selbstvertrauen zurück. 5 Mal musste der Power-Server zwar im nächsten Aufschlagspiel über Einstand gehen, ehe das 4:2 feststand, doch danach, glich Kiss in ganz großem Stil mit 6:2 zum Satzausgleich aus. 2 Asse und zwei krachende erste Aufschläge, und das Eröffnungs-Match beim 23. Babolat-Masters-Turnier war in einem dritten Satz.

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Hüseyin Tüfekci kann sich den Luxus leisten, 6 Break-Chancen zum 4:0 auszulassen, ehe er schließlich den entscheidenden dritten Satz hauchdünn mit 7:5 gewinnt

Dort lief zunächst aber wieder alles in Richtung Tüfekci. Verwunderlicher Weise, konnte Kiss den Schwung von vier gewonnenen Games gegen Ende des zweiten Satzes nicht in den Entscheidungs-Durchgang hinüber retten, und nachdem der 33jährige bei 0:2 zwei Chancen aufs Re-Break ungenützt ließ, lag er plötzlich 0:3 zurück. Das Kiss nicht viel früher mit der ersten Masters-Auftakt-Niederlage seiner Karriere unter die Dusche musste, lag auch daran, dass sich Tüfekci im vierten Game den Luxus leistete, insgesamt 6 Break-Chancen auf das 4:0 auszulassen. Ein Luxus, der ihm beinahe teuer zu stehen gekommen wäre, wie wir aus dem Verlauf des Matches ja wissen. Zunächst freilich schien alles in Richtung klarer Entscheidung  zugunsten Tüfekcis in diesem dritten Satz hinauszulaufen. Die türkische Nummer 1 hatte dieses frühe Break bis 5:3 transportiert, und dort einen Matchball am Schläger. Kiss wehrte diesen jedoch mit einem bravourös verwandelten Überkopfball ab, und mit dem sogleich kassierten Break zum 5:4, war Kiss wieder im Geschäft. Zu Null glich Kiss auf 5:5 aus, und als der 33jährige im Folge-Game zwei Break-Chancen zum 6:5 vorfand, schien Tüfekci die Partie endgültig zu entgleiten. Doch einmal punktete der 35jährige aus Izmir selbst am Netz mit einem Volley, während Kiss beim zweiten Breakball mit einem verschlagenen Volley patzte. Tüfekci bedankte sich mit einem Ass und einem Service-Winner, und schob bei einer 6:5 Führung, den gesamten Druck auf Kiss, der im ersten Satz bei 5:6 und eigenem Aufschlag schon einmal “versagte”. Und auch in dieser noch heikleren Phase, konnte Kiss seinen besten Schlag nicht gewinnbringend einsetzen. Ohne ersten Aufschlag sah sich der Mastersfinalist von 2007 rasch zwei abzuwehrenden Matchbällen gegenüber, und gleich nach dem Ersten durfte Hüseyin Tüfekci jubeln. Der 35jährige hatte einen Rückhand-Return im Feld seines Gegners versenkt, und damit nach 2:21 Stunden einen Masters-Auftakt nach Maß gefeiert.

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Tüfekci poliert mäßige Masters-Bilanz der internationalen Tour-Stars ein wenig auf, und hat nach Sieg über Kiss hervorragende Chancen, als vierter ausländischer Spieler nach Tashi Liu aus China, Robin Douglas aus Deutschland und dem Slowaken Branislav Grznar ein Masters-Semifinale zu erreichen

Trotz insgesamt vier Punkten weniger, gelang Tüfekci der 45. Einzelsieg seiner Karriere, und ein aus seiner Sicht wirklich traumhaftes Masters-Debüt. Der Halbmond-Server sorgte zudem auch für den 15. Sieg eines ausländischen Spielers beim Masters und dafür, dass die Chancen auf den ersten Semifinalplatz eines internationalen Tour-Spielers seit dem Jahr 2009 mehr als intakt sind. Erst vier Mal  in der Geschichte dieses Turniers gelang es den ausländischen Tour-Stars, einen der Ihren in einem Masters-Halbfinale zu etablieren. 2001 gelang dies Asiens Tashi Liu, 2007 war es Robin Douglas aus Deutschland, der das Kunststück zu Wege brachte, mit nur einem Vorrunden-Sieg und aufgrund des besseren Satzverhältnisses ins Semifinale aufzusteigen. Und 2009 war es wie erwähnt der Slowake Branislav Grznar, der als Topfavorit gehandelt, von Andreas Harbarth in der Vorschluss-Runde entzaubert wurde. Tüfekci hat nun auch hervorragende Karten in der Hand, es dem Deutschen Exzentriker, und den nicht mehr auf der Tour spielenden Liu & Grznar nachzumachen. Wie überhaupt der 35jährige aus Izmir die bisher wenig berauschende internationale Masters-Bilanz ein wenig aufpolierte. Bei bislang 13 Masters-Starts der internationalen Tour-Asse, brachten es Jovan Milanovic aus Serbien, Adrian Tismanariu aus Rumänien, Tashi Liu aus China, das deutsche Duo Robin Douglas und David Hühne (Zweitgenannter Germane als Ersatzmann) und der Slowake Branislav Grznar auf wenig schmeichelhafte 14 Siege in 42 Einzelmatches. “Ich bin sehr froh, dieses Match noch gewonnen zu haben. Das Spiel vom Mario ist gut für mich, und kommt mir sehr entgegen. Ich denke doch, dass ich jetzt sehr große Chancen habe, das Semifinale zu erreichen”, strahlte der müde wirkende Sieger nach seinem zweiten Sieg über Kiss im zweiten direkten Duell, während der unterlegene TC Donaufeld-Star einen Kommentar verweigerte.