Wimbledon-Turnier der HTT schreibt wieder einmal Geschichte

Selten gab es nach einem Turnier der Hobby-Tennis-Tour so viele Anfragen nach dem Erscheinen des aktuellen Tagesberichts. Kein Wunder angesichts des Super-Sonntags beim 18. Juni-Grand-Slam-Turnier 2009. Das “Wimbledon der Hobby-Tennis-Tour” hat – obwohl noch nicht beendet – wieder einmal Geschichte geschrieben. Nicht weniger als fünf Spieler die den Rasen-Klassiker schon einmal gewonnen hatten, waren am Start. Doch allesamt sind sie spätestens im Viertelfinale ausgeschieden, zu guter Letzt erwischte es am Sonntag Abend mit Michael Kunz auch den Titelverteidiger. Damit bleibt auch der Mythos rund um den dritten “Major” weiter bestehen. Auch im 18. Versuch ist es dem amtierenden Champion nicht gelungen, den “Wimbledon-Titel” der Hobby-Tennis-Tour mit Erfolg zu verteidigen. Wie überhaupt zur Zeit nichts mehr so im Circuit zu sein scheint, wie es früher einmal war. Die großen Namen, die Dominatoren der Szene sie sind von der Bildfläche verschwunden. Neue Namen prägen das Geschehen und machen den Tour-Alltag bunter denn je. Ein Bericht von C.L

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Ist am Sonntag Abend die Tour-Karriere des Michael Kunz zu Ende gegangen ?

Es ist Sonntag Abend knapp nach 19:00 Uhr, viele der Tourspieler verfolgen in der Kantine des SC Austrian Airlines gerade das packende Finish des Wimbledonfinales zwischen Roger Federer und Andy Roddick, als draußen auf dem Centercourt des Oberlaaer Tennisclubs eine Hobby-Tennis-Tour-Ära zu Ende gegangen sein könnte. Vorjahressieger Michael Kunz unterlag in einem spannenden Viertelfinalduell dem an Nummer 4 gesetzten Christoph Kramer mit 6:4, 1:6, 4:6, womit das eiserne Gesetz, dass kein Spieler den prestigeträchtigen Rasen-Major-Titel zweimal in Folge gewinnen kann, weiter Gültigkeit besitzt. Doch mit Titelverteidiger Michael Kunz verabschiedete sich nicht nur ein mit großen Ambitionen in das “Unternehmen Titelverteidigung” gestarteter Deutsch Wagramer aus dem aktuellen Event, sondern womöglich auch ein tief enttäuschter und schwer gezeichneter Spieler aus dem Tour-Zirkus. “Ich werde jetzt für längere Zeit kein Einzel mehr spielen. Ich bin sehr enttäuscht, und die Niederlage gegen den Christoph tut mir wirklich weh”, äußerte sich der 38jährige in der abendlichen “Presse-Konferenz” gegenüber hobbytennistour.at. Kunz hatte nach 6 Juni-Grand-Slam-Einzelsiegen in Folge am Sonntag Abend den doppelten Kampf gegen den Statistik-Fluch und gegen seine momentane Formkrise verloren. Der blasse Auftritt in Runde 1 gegen Immanuel Plass, die holprige Achtelfinale-Performance gegen Markus Hobiger ließen es schon erahnen, das Thema Titelverteidigung war in diesen Tagen nie ein wirklich ernstes. Bei der Kollegenschaft stand Kunz ohnehin in keiner Phase auf der Rechnung, und selbst der Veranstalter hatte Mühe, dem in die Jahre gekommenen Niederösterreicher mit dem entsprechenden Backround eine halbwegs glaubwürdige Favoritenrolle zukommen zu lassen.

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Christoph Kramer steht bei seinem 150. Karriere-Turnierstart erstmals in einem Grand-Slam-Halbfinale

Um 19:12 Uhr war alles vorbei, Kunz als “Wimbledonsieger der Hobby-Tennis-Tour” beinahe erwartungsgemäß entthront und das 18. Juni-Grand-Slam-Turnier um eine echte Überraschung reicher. Denn mit Christoph Kramer steht beim dritten Saison-Major-Event ein Mann im Halbfinale, der Grand-Slam-Vorschlussrunden bislang nur vom Zusehen kannte. Bei 22 Grand-Slam-Karriere-Starts, brachte es der 26jährige gerade einmal auf eine Viertelfinal-Teilnahme. Gleich 11x crahste Kramer schon in Runde 1, 10x schaffte er zumindest den Sprung ins Achtelfinale. Wahrlich keine rosige Grand-Slam-Bilanz, die auch im heurigen Jahr bislang mehr als trostlos ausfiel. Bis zum vergangenen Wochenende hatte der Ranglisten-Neunte nicht eine einzige Major-Einzelpartie gewonnen. Warum hätte er also ausgerechnet auf den Kunstrasen-Courts des SC Austrian Airlines den Weg aus der Major-Krise finden sollen, zumal das “Wimbledon-Turnier der HTT” für den sympathischen Tour-Evergreen bislang noch nie eine “Anreise” wert war. 4x war Kramer bis dahin beim Juni-Grand-Slam-Turnier am Start, mit ebensovielen Niederlagen auch wieder nach Hause gefahren. Doch diesmal war alles anders. Kramer erreichte zum ersten Mal in seiner bald 12jährigen Tour-Karriere das Semifinale eines Grand-Slam-Turniers. “Weil ich noch nie so motiviert war bei einem Grand-Slam wie an diesem Wochenende” meinte der Wahl-Leopoldsdorfer. “Weil ich zuletzt immer bei großen Turnieren früh verloren habe, deshalb wollte ich es diesmal besonders gut machen”, ergänzte der Top-Ten-Mann. Und er machte es in der Tat außerordentlich gut an diesem dritten Spieltag beim 29. Saison-Event. Der 26jährige kämpfte zunächst im Achtelfinale seinen Doppelpartner Nenad Vladusic in drei Sätzen und über zweieinhalb Stunden mühsamst nieder, ehe im Viertelfinale der Showdown mit dem Titelverteidiger wartete. Dort fixierte Kramer nach einem superspannenden dritten Durchgang und mit seinem 15. Karriere-Einzelsieg auf Grand-Slam-Ebene den viel bejubelten Halbfinaleinzug. Und aufregend war es wirklich, was Kramer und Kunz den Zusehern am Centercourt boten. Trotz 7 vergebener Matchbälle behielt die Nummer 4 des Turniers im Finish gegen die Nummer 5 die Nerven. Womit Kramer sich langsam aber sicher auf die Spuren der besten Tourspieler begibt. Auf Rekordjagd in anderen Bereichen ist der Juni-Grand-Slam-Halbfinalist ohnehin schon längst und zudem kaum mehr aufzuhalten. Immerhin spielte Kramer am letzten Weekend sein 150. Karriere-Turnier, womit er sich in der Ewigen-Bestenliste bis auf 5 Turnierstarts an den zweitplatzierten Martin Kova (155 Karriere-Turnierteilnahmen) schob. Und mit seinem 62. Turnierstart in ununterbrochener Reihenfolge fehlen dem Sympathikus auch nur mehr 9 Auftritte zum Rekord des Claus Lippert, der 71 Turniere in Serie spielte.

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Thomas Müller ist auf Kunstrasen schon 12 Spiele lang ohne Niederlage

Der Gegner von Christoph Kramer im für ihn unerwarteten Duell um einen Platz im Finale wird der topgesetzte Thomas Müller sein. Der zweifache Rasen-Saison-Champion meisterte auch seinen ersten Auftritt als Nummer 1 der Tour bislang äußerst souverän. Der 39jährige sicherte sich am Sonntag Abend mit einem Doppelpack über die Mayerhofer-Brüder nicht nur zum dritten Mal in seiner Karriere einen Halbfinalplatz bei einem Major-Event, sondern er fuhr mit einer abermals beeindruckenden Darbietung auch bereits die Rasen-Einzelsiege Nummer 11 und 12 in Serie ein. Der Ranglisten-Erste scheint derzeit auf dem Oberlaaer Grün einfach unschlagbar zu sein. Keiner spielt im Moment taktisch so klug, mit so viel Selbstvertrauen und letztlich auch so erfolgreich wie er. “Ich gehe mit dem Druck am Platz derzeit sehr positiv um, und ich kann mich vorallem auf meine Stärken voll verlassen”, versuchte “Tom” am Abend beim Interview sein Geheimnis zu erklären. Vorallem den Teil seines Sonntag-Abend-Statements “ich kann mich auf meine Stärken verlassen”, kann die staunende Konkurrenz nur bestätigen. Ob Meinhart in Runde 2 oder Roli Mayerhofer nach dem abschließenden Viertelfinale, die Müller-Gegner waren sich einig. “Seine größte Stärke ist sicherlich der Aufschlag in engen Situationen”, befand Roland Mayerhofer. Bleibt die Frage, wer den Rasen-König im gegenwertigen Augenblick am großen Triumph im “Wimbledon der Hobby-Tennis-Tour” hindern soll. Bislang konnte den Rasen-Dominator erst ein Spieler auf den Courts hoch über Oberlaa bezwingen. Und der ist seit gestern Nachmittag auch nicht mehr im Turnier. Andreas Harbarth fügte genau bei diesem Event vor einem Jahr im Viertelfinale Müller dessen bislang einzige Karriere-Niederlage auf Kunstrasen zu. Viele Insider hofften daher auf ein Traumfinale zwischen dem aktuellen Rasen-King und Ranglisten-Ersten Thomas Müller und seinem Vorgänger an der Ranglistenspitze Andreas Harbarth.

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Andreas Harbarth verliert zum zweiten Mal in Folge ein Grand-Slam-Viertelfinale

Doch die Hoffnungen auf das große Endspiel der beiden Entry-List-Führenden schmolzen am Sonntag Nachmittag in der Juli-Hitze des 4er-Courts dahin. Als Müller nach seinem Kurzurlaub in Kärnten gerade auf der Autobahn die Bundeshauptstadt ansteuerte, baute die frisch abgelöste Ex-Nummer 1 einen saftigen Totalschaden am Tennisplatz. Der “Wimbledonsieger der HTT von 2006”, bislang beim Rasen-Klassiker immer eine sichere Bank für ein absolutes Top-Resultat, ging im Viertelfinale gegen Oliver Rauschil als 6:2, 3:6, 0:6 Verlierer vom Platz. Ausgerechnet in seinem 40. Grand-Slam-Karriere-Match fuhr der 25jährige Neo-Schwechater das schlechteste Major-Ergebnis seiner großartigen Laufbahn ein. Zum zweiten Mal in Folge floppte Harbarth bei einem der “big events” schon im Viertelfinale, wobei sein bis dahin letztes Viertelfinal-Aus beim Mai-Grand-Slam durch den 128er-Raster erst nach drei Siegen zustande kam. Davor glänzte Harbarth bei 7 Major-Starts mit phantastischen 3 Endspielsiegen und 3 weiteren Finalteilnahmen. Doch irgendwie ist derzeit alles anders. Der einstige Topstar der Szene ist nicht wiederzuerkennen. Aus dem einst so souveränen und alles überstrahlenden Super-Helden ist eine weinerliche Galionsfigur von Einst geworden. Harbarths letzter Grand-Slam-Titel datiert vom Mai 2007, womit es höchst an der Zeit für einen nächsten Major-Coup gewesen wäre. Und die Ausgangslage schien für den 25jährigen auch gar nicht ungünstig. Im Gegenteil. Im “Wimbledon der HTT” war Harbarth bei drei Starts bislang immer zumindest im Finale gestanden. Nicht nur deshalb hatten ihn am ersten Juli-Wochenende des Jahres viele Tour-Experten auf der Rechnung. Viele der ganz großen Kaliber glänzten durch Abwesenheit, Thomas Müller spekulierte aufgrund seines Kurzurlaubs mit einer Aufgabe während des Turniers, wodurch wirklich sehr viel für ein Comeback des Andi H. in den Grand-Slam-Siegerlisten der Hobby-Tennis-Tour sprach. Als dann am Sonntag Vormittag auch noch die Kunde vom verletzungsbedingten w.o des Fabian Mayrhuber auf der Anlage die Runde machte, war ein allgemeines Seufzen in Spielerkreisen zu vernehmen. “Na gut, das läuft schon wieder einmal alles für den Harbarth. Wer soll denn den Andi jetzt noch am Turniersieg hindern”, fragte man sich. Nun, da gibt es mittlerweile viele Kandidaten, und sie müssen nicht einmal mehr aus der absoluten Topliga der Tour wie Kiss, Wagner, Grznar oder Geisler kommen. Harbarths erste Grand-Slam-Teilnahme seit Jänner 2007 bei der er nicht als Nummer 1 gesetzt war, endete nämlich mit erwähnter Dreisatzniederlage gegen Oliver Rauschil.

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Oliver Rauschil gewinnt erstmals gegen Harbarth und peilt ersten Grand-Slam-Titel an

Der 27jährige blieb im vierten Duell mit Harbarth zum ersten Mal erfolgreich und qualifizierte sich damit zum zweiten Mal in seiner Karriere für ein Grand-Slam-Semifinale. Zur oben erwähnten Topliga der absoluten Tourstars zählte die Konurrenz Rauschil bislang noch nie. Ein Umstand, an dem der Aufschlagspezialist aber auch nicht ganz unschuldig ist. Wann immer in der Vergangenheit die entscheidenden Matches anstanden, patzte der Altmannsdorfer Meisterschafts-Crack vorallem ergebnistechnisch. Beispiele dafür gibt es genug. Wie jenes legendäre Viertelfinal-Match beim Februar-GP 2008, wo “Oli” gegen Andreas Harbarth im dritten Satz eine 5:1 Führung vergab. Oder als er bei den “French Open der Hobby-Tennis-Tour” im Vorjahr im Viertelfinale gegen Martin Kova die Nerven wegschmiss. Das viertelfinale Aus beim letztjährigen Rasen-Grand-Slam gegen Markus Seitner gehört auch nicht unbedingt zu seiner Ruhmesgeschichte, genauso wenig wie das verkorkste Masters-Halbfinale gegen Harbarth. Beim Hallen-Grand-Slam im vergangenen Jänner hielt er zwar mit Mario Kiss zwei Sätze lang mit, ehe im dritten wieder einmal das gewisse Etwas fehlte. Das im Vorfeld großer Turniere bei den Titel-Spekulationen fast nie der Name Rauschil fiel, liegt also auf der Hand. Doch das könnte sich nun beim dritten Major-Event des Jahres 2009 entscheidend ändern. Rauschil ist an diesem Juli-Wochenende präsent, motiviert und überzeugt, endlich den ganz großen Coup landen zu können. Am Vormittag des Super-Sonntags freute sich der 27jährige nach seinem Zweisatzsieg über Deutschlands einzigen Starter David Hühne noch über seine konstante Serie von sechs Viertelfinalteilnahmen bei 7 Grand-Slam-Starts. Sechs Stunden später strahlte Rauschil mit der vom Himmel brennenden Juli-Sonne um die Wette. “Ich habe im ersten Satz gar nicht gut begonnen. Der Andi hat wenige Fehler gemacht und für meine Begriffe sehr druckvoll gespielt. Aber er hat sich das ganze Match das Gegenteil eingeredet, und das wurde ihm schließlich zum Verhängnis. Im zweiten Satz habe ich zwar auch noch kein Mördertennis gespielt, aber im dritten Durchgang habe ich sehr gut gespielt und viele Winner vorallem am Return geschafft. Beim Stand von 5:0 ist mir dann natürlich das Februar-GP-Viertelfinale in Erinnerung gekommen, wo ich im dritten Satz auch schon 5:1 führte. Aber nochmals habe ich nicht den gleichen Fehler wie damals gemacht und diesmal das Tempo nicht aus dem Spiel genommen. Im Semifinale gegen Libal sehe ich eine 50:50 Chance für mich”, meinte Rauschil.

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Greift Robert Libal nach seinem nächsten Major-Titel?

Apropos Robert Libal. Der 31jährige Wiener ist von den vier Juni-Grand-Slam-Halbfinalisten der einzige Akteur, dessen Erfolgsbilanz schon einer dieser begehrten Major-Erfolge ziert. Bei den “US Open der HTT von 2008” war es, als Libal ungesetzt ins Finale stürmte und dort den bislang größten Erfolg seiner Karriere feierte. 10 Monate danach könnte der in Wiener Neudorf Meisterschaft spielende Libal erneut zu einem Megaschlag ausholen. “Passt auf den Robert auf, der wird hier nur ganz schwer zu schlagen sein”, warnte vor Turnierbeginn Gerald Stangl und sollte Recht behalten. Der 31jährige Dauerläufer gilt als echtes Konditionswunder, und dieser Ehre wurde er am Sonntag Mittag wieder einmal voll auf gerecht. In der brütenden Mittagshitze in Oberlaa, kämpfte er in einem knapp über zweieinhalb Stunden dauernden Super-Match erwähnten Gerald Stangl nieder. “Ich muss auf meinen Körper schauen”, begründete “Gery” seine Aufgabe beim Stand von 6:4, 4:6. “Der Robert war der erwartet schwere Gegner. Für mich die ungünstigste Auslosung überhaupt”, erklärte der Unterlegene, während Libal eine Runde später gleich zum nächsten Kraftakt ansetzte. (Fortsetzung folgt)

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Claus Lippert, 6. Juli 2009