Wie ein Tiroler Berg-Gigant

Tom Guem siegt beim März-WTB und kürt sich zum 113. Turniersieger der Geschichte

Die Hobby-Tennis-Tour hat wieder ein neues Siegergesicht! Thomas Guem, 28 Jahre aus Schönwies im Oberinntal hat am Dienstag Abend die 4. Auflage des März-WTB-Turniers 2010 gewonnen, und sich damit zum insgesamt 113. Turniersieger der Tour-Geschichte gekürt. In nur 55 Minuten deklassierte der erst seit Beginn der Saison im Circuit tätige Tiroler einen diesmal völlig indisponierten Markus Seitner, der beim Versuch seinen insgesamt siebenten WTB-Karriere-Erfolg zu fixieren, mit 0:6, 4:6 unter die Räder kam. Damit musste sich der Salzburger WTB-Rekordmann neuerlich – wie schon im Vorjahr – im Finale des März-WTB-Turniers geschlagen geben. Ein Bericht von C.L

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Der neue März-WTB-Champion sorgt für den vierten Tiroler Tour-Titel

Sein zweites Karriere-Finale soeben cool und abgebrüht absolviert, schlenderte der neue März-WTB-Champ ganz lässig mit einer “Cola” in der Hand durch das Foyer im Tennispoint Vienna und wartete auf die anstehende Siegerehrung. Nur einmal kam Guem an diesem Abend seine beneidenswerte Lockerheit ein wenig abhanden, nämlich als es daran ging, für die obligate Foto-Session zu posieren. Ja, die Routine von Siegerehrungen und dem dazugehörigen Prozedere, die hat der Schönwieser noch nicht. Doch nachdem dann alle Bilder im Kasten waren, ging endgültig ein nahezu perfektes verlängertes Tennis-Wochenende für Guem zu Ende. Ohne Satzverlust sorgte der 28jährige als zweiter Tiroler nach Alexander Geisler für den insgesamt vierten Titelgewinn der “Tourstars aus den Bergen”.

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Seitner als Finalfavorit der Statistik – Guem mit imposanten Leistungen ins Endspiel

Die Spannung vor dem zehnten Saisonfinale im “West-Derby” zwischen dem Tiroler Thomas Guem und Markus Seitner aus Salzburg, sie war wenige Minuten vor Spielbeginn echt spürbar. Zwei angespannte Hauptdarsteller im Kampf um den dritten WTB-Saisontitel, der Ausgang dieses finalen Showdowns daher auch nur äußerst schwer vorauszusagen. Da war natürlich einmal die Statistik, die den ehemaligen Sandplatzkönig Markus Seitner als 6fachen WTB-Champion in seinem 147. Karriere-Match und im 18. Endspiel seiner Laufbahn als Favorit auswies. Doch auf der anderen Seite beeindruckte Seitners Endspielgegner als der vermeintliche Außenseiter am vergangenen Wochenende mit grandiosen Darbietungen auf dem Weg in sein zweites Karriere-Finale. Nur drei Games blieben dem 29fachen Turniersieger Martin Kova in Runde 1, mit der gleichen mickrigen Anzahl wurde im Achtelfinale Titelverteidiger Stefan Schaaf bei seinem Comeback verabschiedet. Es waren aber weniger die beeindruckenden statistischen Zahlen auf Guems imposantem Weg ins Endspiel, sondern viel mehr die Art und Weise, wie der Tiroler Newcomer die Konkurrenz mit den klingenden und bekannten Namen aus dem Weg räumte. Keiner spielt derzeit auf der Hobby-Tennis-Tour einen besseren Volley, und niemand im Circuit versucht im Augenblick derart offensiv wie der 28jährige zum Erfolg zu kommen.

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Guem versuchte von Beginn an mit Serve & Volley Seitners Rhythmus zu stören

Und mit dieser auf der Tour beinahe ausgestorbenen Art Tennis zu spielen, überraschte der Tiroler am Dienstag Abend auch den 10fachen Titelträger Markus Seitner. Anders als im Halbfinale am Vortag gegen Philipp Mayer, legte Guem von Beginn an mit “Serve & Volley” los. Ein Konzept das rasch Früchte trug und mit zum Schlüssel des späteren Erfolges wurde. Denn Seitner kam wie erwartet mit dem permanent am Netz auftauchenden Gegenüber nicht zurecht, und noch wichtiger, Guem ließ vom ersten Ballwechsel an, den für Seitner immer so wichtigen Anfangsrhythmus nicht zu. Damit war für Guem schon viel gewonnen. Bei eigenem Aufschlag blieb der Oberinntaler souverän und ungefährdet, ließ nicht eine einzige Break-Chance zu und gab so sein phantastisches “Serve & Volley” zum Besten. Auffallend dabei: Guem machte zu 100 Prozent den Punkt wenn sein erster Aufschlag im Feld des Gegners landete. Seitner wiederum hatte sogar bei eigenem Aufschlag alle Hände voll zu tun, um den “Chip & Charge” spielenden Gegner unter Kontrolle zu halten. Vergeblich, denn nach nur 21 Minuten ohne Rhythmus und Gefühl für das Spiel hatte der einstige Sandplatz-Hero eine ganz bittere Null ausgefasst.

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6:0, 3:0 – und die Flucht des Markus Seitner aus der Halle

Es schien sich auch in weiterer Folge eine echte Demontage des bei der Konkurrenz auf WTB-Ebene ungern gesehenen Top-Ten-Stars abzuzeichnen. Seitner irrte völlig plan- und ideenlos über den Centercourt des Tennispoint Vienna, während Guem weiter seine gigantische One-Man-Solo-Show abzog. Cool, abgezockt und im Stile eines Klassemannes eröffnete der Tiroler den zweiten Satz nicht nur mit einem weiteren Break, sondern er überstand im Folge-Game auch den ersten etwas engeren Moment in diesem Finale. Mit zwei leichten Fehlern handelte sich “Thomas” ein 0:30 ein, und mit dem ganzen Frust eines bis dato ganz und gar daneben gegangenen Finalspieles drosch sich Seitner mit einer wuchtigen Vorhand den Ärger von der Seele. Damit hatte der Salzburger drei Break-Möglichkeiten, die ersten in diesem Match und die Chance auf 1:1 zu stellen. Doch mit 5 Punkten in Folge – allesamt Winner auf jeweils erste Aufschläge – löste Guem diese erste kritischere Situation in bärenstarker Manier. Seitner war längst entnervt und frustriert, schleuderte sein Racket durch die Halle, begann beim Service den Ball einzuwerfen statt aufzuschlagen und versuchte mit Aufschlägen von unten, den Gegner aus der Ruhe zu bringen. Doch was immer Seitner in seinem Ärger auch versuchte, es nützte nichts. Guem stand wie ein “Tiroler Gebirgszug” am Centercourt, beständig, unverrückbar und von allen Einflüssen unbeeindruckt. Als beim Stand von 6:0, 3:0 sprichwörtlich gesehen “alle Neune” versenkt waren, verließ Seitner plötzlich die Halle um sich eine Pause zu gönnen. Allerdings machte der Abgang des Salzburgers ehe den Eindruck einer Flucht, doch davonlaufen ging an diesem ganz bitteren Abend für Seitner nicht. Der vor Ort wartende Guem legte im nächsten Aufschlagspiel nach, und servierte sich zu Null das 6:0, 4:0 heraus.

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Wie Guem im Stile eines Champions auf Seitners unerwartete Aufholjagd reagierte

Wie schnell sich das Geschehen eines Tennismatches aber drehen kann, bekam man am gestrigen Dienstag Abend unerwarteter Weise auch noch zu sehen. Es war nicht verwunderlich, dass Guem nach zehn in Serie gewonnenen Games ein wenig die Konzentration verlor und den letzten Nachdruck vermissen ließ. Doch aus dem ursprünglich nur als Ergebniskosmetik betrachteten 1:4 wurde plötzlich eine nicht mehr erwartete Aufholjagd Seitners. 2:4, 3:4, 4:4, der längst schon deklassiert und demoralisiert geglaubte Salzburger Sandplatz-Spezialist war zurück in einem praktisch schon verloren gedachten Match. Jetzt waren bei Guem gute Nerven gefragt, und obendrein eine Problemlösung die eines Turniersiegers würdig wäre. Und tatsächlich bewies der 28jährige aus Schönwies in dieser heiklen Phase seines zweiten Karriere-Finales Qualitäten eines echten Champions. Guem schaffte das Break zum 5:4 und setzte mit einem cool absolvierten letzten Aufschlagspiel einen letzten Höhepunkt in dieser finalen Partie. Mit seinem ersten Ass besorgte sich der Tiroler zwei Matchbälle. Den ersten konnte Seitner noch mit einem spektakulären Vorhand-Return abwehren, den zweiten “big point” jagte Seitner abermals mit der Vorhand allerdings an die Hallenwand. Guem riss die Hände zum Zeichen des Sieges empor, der erste Turniersieg seiner noch kurzen Laufbahn war perfekt.

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“Mein Ziel ist es, dass ich irgendwann einmal vom Veranstalter keine WTB-Starterlaubnis mehr erhalte”

“Ich freue mich natürlich sehr, dass es jetzt mit dem ersten Turniersieg geklappt hat. Zum Spiel selbst muss ich sagen, dass es gar nicht leicht war, nach 6:0, 4:0 weiter die Konzentration zu halten. Ich habe aber versucht, mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen von dem ein oder anderen Psychospielchen meines Gegners. Zum Schluss der Partie habe ich die taktisch richtigen Bälle gespielt. Konkret waren das einerseits der Ball zum 5:4, wo ich mit einem Slice am Return longline zum Punkt gekommen bin. Und dann war da noch das Ass im letzten Game zum 40:15, wo ich zum ersten Mal in diesem Match durch die Mitte serviert habe. Damit hatte ich die richtigen Bälle zum richtigen Zeitpunkt gespielt, ansonsten wäre es noch einmal sehr eng geworden”, analysierte Guem. Mit seinem gestrigen mehr als famos ausgefallenen Auftritt, hat der Tiroler damit auch das katastrophale Auftreten bei seinem ersten Tour-Finale im Jänner vergessen gemacht. Dennoch ist der 28jährige noch lange nicht am Ziel seiner Träume. Im aktuellen Champions-Race auf Rang 5 vorgestossen, im Entry-Ranking 19 Plätze gutgemacht und von Position Nr. 58 erstmals unter die Top 40 auf Rang 39 geklettert, hofft Guem jetzt baldigst einmal auf ein Spitzen-Resultat abseits der WTB-Ebene. “Ich möchte demnächst einmal die erste Runde auch bei einem großen Turnier überstehen. Und mein Ziel ist es, dass ich irgendwann in näherer Zukunft vom Veranstalter keine Starterlaubnis mehr für WTB-Turniere erhalte. Anders als viele andere Spieler möchte ich raus aus der WTB-Serie und mich weiter verbessern. Mir kommt so vor, hier gibt es ganz viele Spieler die lieber bei den schwächeren WTB-Turnieren bleiben als sich weiter nach oben zu orientieren”, befand Guem.

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“Hier bei diesem Turnier zu gewinnen, damit hätte ich in keinem Fall gerechnet”

Und in der Tat hat der Tiroler März-WTB-Sieger mit dieser Einschätzung zu 100 Prozent recht. Er denkt damit ganz anders als beispielsweise seiner unterlegener Finalgegner Markus Seitner, der sich immer wieder zu schwächeren Turnierserien hingezogen fühlt. “Weil er Punkte sammeln will und Titelgeil ist”, wusste sein Doppelpartner David Hühne zu erzählen, ohne Seitners neuerlichen WTB-Start weiter zu kritisieren. “Ich hatte vor dem Turnier daher auch eher an Markus Seitner als Favoriten gedacht, der für mich eine nur schwer überwindbare Hürde darstellt. Und nach der Auslosung hatte ich auch noch Martin Kova und Stefan Schaaf in meiner Rasterhälfte gesehen, von daher kam für mich schon der Halbfinaleinzug überraschend. Hier bei diesem Turnier zu gewinnen, damit hätte ich in keinem Fall gerechnet. Ein bißchen Wehmut verspüre ich aber weil die Hallensaison jetzt schon bald vorbei ist. Ich denke der Teppich kommt meinem Spiel doch sehr entgegen”, philosophierte der Sieger.

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Enttäuschter Markus Seitner: “Da vergeht mir Tennis echt total, ich könnte kotzen”

Ungewohnt lange wartete man derweil auf den sonst bei Siegerehrungen gerne im Mittelpunkt stehenden Markus Seitner. Unter einer ausgiebigen Dusche wird der 30jährige wohl versucht haben, soeben höchst bitter Erlebtes wegzuwaschen. Im 18. Finale seiner Karriere erlebte Seitner wohl einige der niederschmetternsten Momente seit er auf der Tour im Einsatz ist. Mit einer desaströsen Vorstellung dazu von einem großartig spielenden Gegner vorgeführt, da verweigerte der Salzburger sogar die Annahme der Trophäe für den “zweiten Sieger” des März-WTB-Turniers 2010. “Solche Matches wie heute sind der Grund warum ich ein ganzes WTB-Turnier spielen will. Mir fehlt noch total die Fitness wie man heute gesehen hat. Schon gestern im Semifinale war meine Leistung auf Sparflamme ausgefallen. Dienstag 21:00 Uhr, da habe ich schon oft eine Null bekommen, das ist mir nicht das erste Mal passiert. Das war es von meiner Seite auch schon”, sprach der sichtlich enttäuschte Ranglisten-Dritte und machte sich auf den Heimweg. Eine halbe Stunde später äußerste sich der Sieger von 10 Hobby-Tennis-Tour-Bewerben dann aber noch per SMS: “Sorry, ich bin immer noch sprachlos. Keine Ahnung was das heute sollte. Ich hatte am Platz einfach nix verloren und nicht den Funken von Normalform. Unglaublich, da vergeht mir Tennis echt total. Ich habe schon andere Matches abgeliefert, aber das war heute eine andere Kategorie. Ich könnte kotzen”.

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Claus Lippert, 10. März 2010