Mit Doppelschlag in die Geschichtsbücher der Tour

Victor Stabrawa gewinnt letztes Without-Top-Ten-Turnier der Geschichte

Seit exakt 22:22 Uhr des gestrigen 25. Novembers 2008 ist sie Geschichte, die Without-Top-Ten-Turnierserie der Hobby-Tennis-Tour. Was am 30. November 1996 mit dem Eröffnungsspiel zwischen Jovan Milanovic und Alfred Scharrach als Pilotversuch begann, endete 12 Jahre und 68 Turniere später mit dem großen Finale der 13. November-Without-Top-Ten-Auflage 2008 und als absolut etablierter Hit unter den Spielern. Das Endspiel der geschichtsträchtigen letzten Without-Top-Ten-Ausgabe wurde zur großen Abschieds-Gala, für die zwei absolut würdige Finalteilnehmer parat standen. November-GP-Sieger Victor Stabrawa und Juli-Without-Top-Ten-Champion Roland Mayerhofer standen im 1.466sten und allerletzten WTT-Single stellvertretend für all die vielen Tourspieler der vergangenen 12 Jahre am Centercourt des Tennis Point Vienna und verabschiedeten mit einem interessanten und genau 1:11 Stunden dauernden Finalduell ein kleines Stück Hobby-Tennis-Tour-Geschichte. Und in dieser ist seit gestern Abend ein 16jähriger Wiener auf alle Zeiten fix verankert. WAT-Ottakring-Jungstar Victor Stabrawa sicherte sich mit einem 6:3, 6:3 Erfolg über Roland Mayerhofer seinen zweiten Karriere-Titel und den Eintrag in die Geschichtsbücher der Hobby-Tennis-Tour. Ein Bericht von C.L

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Stabrawa als “Mister Effektiv” und Mayerhofer als “leichtfertiger Weihnachtsmann”

Victor Stabrawa ist derzeit einfach nicht zu schlagen. Der 16jährige feierte nur 2 Wochen nach seinem Triumph beim November-Grand-Prix-Turnier seinen nächsten großen Erfolg. Mit einer abermals recht imposanten Vorstellung entzauberte Stabrawa im finalen Showdown der Without-Top-Ten-Ära auch den von vielen Insidern höher eingeschätzten Roland Mayerhofer und eroberte so seinen persönlichen “Indoor-Doppelpack”. In nur 71 Minuten hatte der Jungstar mit einer taktischen Sonderleistung seinen 9. Einzelsieg in Folge eingefahren und die WTT-Abschieds-Party zu seinem persönlichen Triumph umfunktioniert. “Ich habe ganz solide gespielt”, sollte der Sieger seine Leistung später ganz richtig einschätzen. Und diese solide Spielweise verhinderte vielleicht das zum großen Finale der WTT-Ära erwartete Feuerwerk an brillanten Schlägen, sorgte aber andererseits dafür, dass man trotzdem ein durchaus interessantes und gutes Endspiel zu sehen bekam. Dabei lief der Finalschlager zwischen Stabrawa und Mayerhofer nur sehr schleppend an. Die ersten zwei Games brachten wenig Spielkultur und dafür viele Überraschungen. So versuchten beide Akteure – allerdings mit mäßigem Erfolg – mit Serve & Volley den Gegner zu überraschen. Die vergebliche Mühe ans Netz zu stürmen stellte aber vorallem Stabrawa rasch wieder ein. Richtig los ging der finale Kampf dann nach der ersten und insgesamt vier Games dauernden Phase des Abwartens auf beiden Seiten. Das fünfte Game solltes es dann aber in sich haben. 22 Punkte spielten die beiden Finalisten da aus, und Roland Mayerhofer fand urplötzlich seinen ersten Breakball vor. Stabrawa konterte mit einem genialen Stoppball, “Roli” holte sich mit einem bombatischen Return die zweite Breakchance, die “Victor” mit einem wuchtigen Service-Winner ebenfalls zu Nichte machte. Spätestens jetzt war das Match aus seiner anfänglichen Lethargie gerissen, und eines geschichtsträchtigen Endspiels würdig. Insgesamt drei Chancen auf das erste Break in diesem Finale ließ Mayerhofer in diesem Game ungenützt, ein Umstand der ihn maßlos ärgerte und ihn vom Besuch des Weihnachtsmannes philosophieren ließ. “Geschenke, lauter Geschenke”, fluchte der 29jährige beim Seitenwechsel. Es war im Nachhinein betrachtet wohl so etwas wie die Vorentscheidung, das Mayerhofer in diesem fünften und längsten Game des ersten Satzes so leichtfertig seine Break-Möglichkeiten vergeigte. Dabei war gar nichts gravierendes passiert, zumal Mayerhofer selbt bei eigenem Aufschlag wie schon im Halbfinale gegen Hobiger eine Klasse für sich war. Zwei Games zu Null und souverän nach Hause gespielt, keine Breakchance zugelassen, “Roli” blieb bei seinen Service-Games unantastbar. Und es schien nur eine Frage der Zeit, bis der bei allen seinen Aufschlagspielen “raufende” Stabrawa erstmals sein Service abgeben wird müssen. Bei 3:3 wackelt der Jungstar mit zwei abgewehrten Break-Möglichkeiten abermals, ehe er sich im Finish als “Mister Effektiv” den entscheidenden Vorsprung mit dem Gewinn des ersten Satzes verschaffte. Die erste und einzige Breakchance zum 5:3 nützte Stabrawa prompt und eiskalt, das Folge-Game zu Null ausserviert war nur mehr Formsache. Nach 38 Minuten war der Spielverlauf von Durchgang komplett auf den Kopf gestellt, und die Ausgangslage für Satz 2 eine komplett neue.

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Stabrawa spielt zweiten Karriere-Titel im Finish trocken und cool nach Hause

Stabrawa konnte sich darauf verlegen, den Ball im Spiel zu halten, während Mayerhofer mit dem entstandenen Druck, noch mehr Initiative zeigen musste. Schlechte Voraussetzungen für den Juli-Without-Top-Ten-Sieger, dem fortan eine deutliche Verunsicherung anzumerken war. Die wurde der 29jährige bis zum bitteren Ende auch nicht mehr los. Selbst das rasche Re-Break zum 1:1 löste nicht die Verkrampfung im Mayerhofer`schen Spiel. “Ich brauche 7.000 Chancen”, polterte der für Groß Enzersdorf Meisterschaft spielende Tour-Star lautstark, womit er auch seinem Gegenüber einen kleinen Einblick in sein aktuelles Seelenleben gab. Und während Mayerhofer mit mehr Risiko versuchte das Tempo zu verschärfen, beschränkte sich sein Gegner auf das Notwendigste. Und das war ganz einfach eine solide Darbietung abzuliefern, den Ball im Spiel zu halten und konzentriert bei der Sache zu bleiben. Was ihm auch gelang, denn wie schon vor 14 Tagen im November-GP-Finale war der junge Mann vom Heuberg nicht mehr wirklich aufzuhalten. Konzentriert auf das Wesentliche, cool in den entscheidenden Phasen, spielte Stabrawa den Sieg trocken nach Hause. Wenn man im Spiel des WAT-Ottakring-Stars eine Schwäche ausmachen möchte, dann ist es mit Sicherheit sein Flugballspiel. Bei 12 Netzattacken nur einen Punkt geholt, das ist für einen Top-Ten-Speler wie es Stabrawa ab heute sein wird, ganz einfach viel zu wenig. Victors Unpässlichkeit am Netz konnte jedoch auch nichts am großen finalen Triumph ändern. Um 22:22 Uhr nach exakt 71 Spielminuten fixierte der 16jährige mit einem exzellenten Vorhand-Passierball seinen zweiten Saison- und Karriere-Titel und blieb so auch im neunten Hallen-Einzelmatch in Folge ungeschlagen.

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“Die Freude über den ersten Turniersieg vor zwei Wochen war größer”

“Ich habe ganz solide gespielt und eigentlich nur gewartet, bis mein Gegner in seinen Schlägen kürzer wurde. Dann habe ich Druck gemacht, und das hat ganz gut funktioniert”, erklärte der Sieger. Was so einfach klingt, ist aber das Resultat harter Trainingsarbeit in den vergangenen Jahren. Jetzt zum Ende der Saison scheint Stabrawa in der Form seines Lebens zu sein. “Die Freude über den ersten Turniersieg vor zwei Wochen war größer, weil ich damals der große Außenseiter war. Natürlich freue ich mich auch über diesen Erfolg, weil diesmal auch wieder alle auf den Roland getippt haben. Es ist vorallem eine tolle Sache für mich, weil ich jetzt immerhin als letzter Sieger eines Without-Top-Ten-Turniers in die Tour-Geschichte eingehen werde. Ob ich so groß in Form bin, weiß ich gar nicht. Die Gegner waren an diesem Wochenende jetzt nicht so übermäßig stark. Gegen den Hans Ebner im Semifinale musste ich die Bälle nur verteilen, und der Roland hat heute einfach sehr viele Fehler gemacht. Die Vorhand geht im Moment bei mir ganz gut. Aber von einer Überform würde ich nicht sprechen. Mein nächstes Ziel ist das Jänner-Grand-Slam-Turnier, und dort möchte ich so weit wie möglich kommen”, verabschiedete sich der 16jährige als zweifacher Saisonturniersieger in die Winterpause.

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“Wenn man aus 20.000 Chancen kein Break schafft, kann man kein Match gewinnen”

“Außer der Zufriedenheit, hier ins Finale gekommen zu sein, bleibt jetzt leider nichts”, eröffnete der unterlegene Roland Mayerhofer sein Statement zum November-Without-Top-Ten-Endspiel. “Die Gefühle sind jetzt geteilt. Die ersten beiden Partien gegen Geiger und Arbeiter waren Super-Matches, in denen ich nach der Form von den letzten Turnieren eigentlich nicht damit gerechnet hatte, über die erste Runde zu kommen. Ich hatte den Geiger im Sommer spielen gesehen, und daher mich nur als Außenseiter betrachtet. Von daher ist der Saisonabschluss versöhnlich ausgefallen. Heute war der Victor einfach der fitere Spieler von uns beiden. Er hat sich besser bewegt und war körperlich einfach besser drauf. Dazu kommt, dass wenn man aus 20.000 Breakchancen nur ein Break macht, dann kann man einfach kein Spiel gewinnen. Von daher war auch das fünfte Game im ersten Satz entscheidend. Im Kopf hat sich da bei mir ein Schalter umgelegt. Ich habe mir gedacht, das gibts ja gar nicht, dass man so viele Möglichkeiten vorfindet und keine davon nützen kann” analysierte Mayerhofer.

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Claus Lippert, 26. November 2008